Welt| Wie der Verfassungsschutz den NSU in Ruhe ließ


Von Per Hinrichs

Wenn der Beamte Reinhard G. im Münchner NSU-Prozess auftaucht, scheint er stets direkt von einer Karnevalsparty zu kommen. Eine dicke Perücke drückt er tief ins Gesicht, er trägt eine Sonnenbrille und zieht sich seinen Kapuzenpullover über den Kopf. Niemand soll die Identität des V-Mann-Führers aus Brandenburg, der die Quelle „Piatto“ im Umfeld des NSU-Trios führte, erkennen. Auch wenn er redet, sagt er nicht viel. Zuletzt trat er im Sommer 2015 im Gerichtssaal A101 in Münchenauf und schwurbelte um die Fragen des Richters Manfred Götzl herum, ohne sie zu beantworten.

Jetzt wird klar, warum. Der Dienstherr des verkleidungsfreudigen Verfassungsschützers spielt eine unrühmliche Rolle bei den Ermittlungen rund um das Trio. Schon im September 1998 nämlich, knapp acht Monate nach ihrer Flucht, hätten die drei geschnappt werden können – das aber hat das Brandenburger Innenministerium verhindert. Das geht aus internen Vermerken hervor, die dieser Zeitung vorliegen.

Das Landesinnenministerium hätte dem braunen Spuk den Dokumenten zufolge ein frühes Ende setzen können. Am 14. September 1998 brach im beschaulichen Brandenburger Landesamt für Verfassungsschutz Hektik aus. An diesem Montag lieferte ein V-Mann mit dem Decknamen „Piatto“ einen Bericht ab, der die Geheimdienstler elektrisierte: Die drei gesuchten Rechtsextremisten Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe wollten sich Waffen besorgen, einen „weiteren“ Raubüberfall planen und sich dann nach Südafrika absetzen. Das habe „Piatto“ von Jan W. erfahren, einem Helfer des Trios und führendem Kopf des Neonazi-Netzwerks „Blood and Honour“.

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