Spiegel| Prozess gegen Reker-Attentäter: Der Angeklagte S. macht sich klein


Von , Düsseldorf

Der Mann, der die Kölner Politikerin Henriette Reker niederstach, beschreibt sich vor Gericht als Opfer. Schwere Kindheit, als Teenager gejagt von Straßengangs. Neonazi? Will er nie gewesen sein.

Als Frank S. den Saal 1 des Hochsicherheitstrakts im Düsseldorfer Oberlandesgericht betritt, rattern die Verschlüsse der Kameras. Schützend hält sich der Angeklagte einen Aktenordner vor sein Gesicht.

Auf dem Band prangen zwei Aufkleber, auf einem ist ein kleiner Junge zu sehen, er ballt die Faust und stiert eher putzig als grimmig in die Kamera. Im Hintergrund: ein Haufen Sand und ein anderes Kind, das zu weinen scheint. „Ich hasse Sandburgen“, steht auf dem Aufkleber.

Es ist nicht klar, ob sich der Angeklagte den Ordner bewusst ausgesucht hat. Aber das Motiv auf dem Einband passt ganz gut zu dem Bild, das S. an diesem ersten Verhandlungstag von sich zeichnet. Es ist das Bild eines Mannes, der sein Leben lang Opfer gewesen sein will und doch zum Täter wurde; eines Mannes, der nach eigener Wahrnehmung stets mehr Ohnmacht als Macht verspürte; eines Mannes, der am liebsten noch immer dieser kleine Lausejunge wäre, ein bisschen aufmüpfig zwar, aber harmlos.

Dabei hätte Frank S., 44, beinahe eine wehr- und arglose Frau getötet, wie es in der Anklage der Bundesanwaltschaft heißt. Am Morgen des 17. Oktober 2015 rammte er demnach der Kölner Oberbürgermeister-Kandidatin Henriette Reker völlig unvermittelt auf einem Wochenmarkt ein 30 Zentimeter langes Jagdmesser so tief in den Hals, dass es ihre Luftröhre doppelt durchtrennte und die Wirbelsäule verletzte. Eine Notoperation rettete das Leben der Politikerin.

 

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