jungeWelt| Zum Schweigen verdonnert


Braune »Widerstandsdivisionen«: Hessens NSU-Ausschuss befragte Sänger »Reichstrunkenbold« – und streng geheim V-Mann Sebastian Seemann

Von Claudia Wangerin
Hessens Untersuchungsausschuss zum Neonaziterror und zur Rolle der Behörden hat am Montag einen Liedermacher mit dem zeitweiligen Künstlernamen »Reichstrunkenbold«, der eigentlich Philip Tschentscher heißt , und den ehemaligen V-Mann Sebastian Seemann vernommen. Letzteren unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Vorher hatte Tschentscher versucht, den Unterschied zwischen seiner »nationalpatriotischen« Einstellung und den Liedern zu erklären, die er »zur Unterhaltung« gesungen habe, obwohl sie angeblich nicht seiner Meinung entsprachen. Nach einem Bericht der Frankfurter Rundschau ging es um Songs wie »Brauner Terrorist« und eine CD, die zu dem Titel »Viel Asche um nichts« ein Bild eines Krematoriums zeigt. Zu seinem 25. Geburtstag im Jahr 2006 hatte der »Nationalpatriot« ein Konzert mit 300 internationalen Gästen veranstaltet – auf dem »Reichshof« des damals 77jährigen, mehrfach verteilten Rechtsterroristen Manfred Roeder im hessischen Schwarzenborn. Roeder soll große Stücke auf Tschentscher gehalten haben, der aus Hofgeismar stammt und in Thüringen studiert hat.

In der braunen Musikszene spielte auch Sebastian Seemann eine wichtige Rolle, den die hessischen Abgeordneten hinter verschlossenen Türen befragen mussten. Seemann hat zwar – soweit bekannt – nur für den Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalens gearbeitet, war aber in einer Gruppe aktiv, in der sich Neonazis aus NRW und Hessen sammelten. Die »Oidoxie Streetfighting Crew« übernahm bei Rechtsrockkonzerten die Aufgaben eines Sicherheitsdienstes. Polizeibekannt wurde er im Jahr 2000 als Freund des Polizistenmörders Michael Berger, der damals an einem Tag im Juni drei Beamte in Dortmund und Waltrop sowie sich selbst erschoss – angeblich, weil er ohne Führerschein erwischt worden war und mehrere Waffen im Auto und in seiner Wohnung hatte. Bergers Kontakte zur rechten Szene waren bekannt, weitgehende Schlüsse in Richtung eines bewaffneten neofaschistischen Netzwerks wurden aber von Behördenseite nicht gezogen. Der damals 20jährige Sebastian Seemann wurde ein umtriebiger Organisator von Konzerten mit Bands aus dem Umfeld des Netzwerks »Blood & Honour«, dessen deutsche Sektion 2000 verboten worden war. Einige Konzerte fanden in Belgien statt, Seemann fungierte als deutscher Kontaktmann. Die Erlöse flossen 2004 unter anderem an die »Kameradschaft Dortmund«. In einem Forum prahlte Seemann außerdem, das Geld fließe »ohne Ausnahme wieder zurück in die Bewegung«, nämlich an »deutsche und belgische politische und m…… Widerstandsdivisionen«. Das »m«, das für »militant« oder »militärisch« stehen dürfte, ist auch wegen Seemanns nachweisbarer Kontakte zu hessischen Neonazis und der zeitlichen Nähe zwischen den Morden in Dortmund und Kassel im April 2006 interessant. Der Dortmunder Kioskbesitzer Mehmet Kubasik und Halit Yozgat, der in Kassel ein Internetcafé betrieb, waren am 4. und am 6. April vor zehn Jahren erschossen worden.

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