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NSU-Prozess: Bundesanwälte lehnen Zeugenvernehmung von V-Mann ab, der ­mutmaßlichen Haupttäter als Vorarbeiter in Baufirma beschäftigte

Von Claudia Wangerin
 
In »normalen« Strafprozessen sind Streitereien zwischen Staatsanwalt und Nebenklage die Ausnahme. Nicht so bei staatlichen Verstrickungen wie im Fall des »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU). Im Münchner Prozess um die langjährige Mord- und Anschlagsserie kam es am Mittwoch zu einem heftigen Eklat zwischen Opferanwälten und Anklägern. Letztere lehnten es ab, den früheren V-Mann Ralf Marschner alias »Primus« als Zeugen zu laden. Bundesanwalt Herbert Diemer sagte zur Begründung, Marschners Aussagen spielten keine Rolle für die Beurteilung der Schuld von Beate Zschäpe und ihren vier mutmaßlichen Unterstützern.

Der heute 44jährige Marschner war lange in der rechten Szene Sachsens tätig und hatte in den Jahren 2000 bis 2002 offenbar den Neonazi Uwe Mundlos unter dem Namen Max-Florian Burkhardt als Vorarbeiter in seiner Baufirma beschäftigt. Sorgfältig recherchierte Medienberichte legen das nahe. Mundlos gilt heute als einer von drei mutmaßlichen NSU-Gründern. Er war 1998 mit Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe in Jena untergetaucht. Die beiden 2011 zu Tode gekommenen Männer waren laut Anklage die ausführenden Haupttäter der Mordserie, Zschäpe wird eine gleichberechtigte planerische Mittäterschaft vorgeworfen.

Bundesanwalt Diemer sieht in der Rolle des V-Mannes als möglichen Arbeitgebers von NSU-Terroristen keine Relevanz für das Verfahren – das gelte auch für den Fall, dass Mundlos tatsächlich von ihm beschäftigt worden sei, weil damit noch kein »Zusammenhang mit den angeklagten Taten« bewiesen werde, zitierte ihn die Deutsche Presseagentur am Mittwoch.

Dabei hatte das Rechercheteam um Stefan Aust und Dirk Laabs berichtet, dass Marschners Baufirma in Zwickau zeitnah zu NSU-Morden Leihwagen angemietet hatte. Am 13. Juni 2001, dem Tag der Ermordung von Abdurrahim Özüdogru in Nürnberg, sowie am 29. August 2001, an dem Habil Kilic in München erschossen wurde, hatte Marschner Bauservice dort Kraftfahrzeuge ausgeliehen.

Auch die Hauptangeklagte Zschäpe hat nach Zeugenaussagen möglicherweise nach dem Abtauchen in einer der Firmen des V-Mannes Marschner gearbeitet – als Verkäuferin in einem Klamottenladen. Dafür sieht Diemer »außer Gerüchten keine belastbaren Hinweise«.

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