DW| Kommentar: NSU – kein kurzer Prozess


Am 6. Mai 2013 begann das Strafverfahren gegen die rechtsextremistische Terrorgruppe. Dass es inzwischen drei Jahre dauert, wundert viele. Die Geduld des Gerichts könnte sich aber auszahlen, meint Marcel Fürstenau.

Müsste nach 280 Verhandlungstagen mit doppelt so vielen Zeugen nicht längst alles gesagt sein? Kann es nach so langer Zeit noch Überraschungen geben im Prozess gegen den „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU)? Ja, das ist möglich. Wer daran zweifelt, sei an das Verhalten der Hauptangeklagten Beate Zschäpe erinnert. Die rechtsextremistische Weggefährtin der mutmaßlichen Mörder Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos verweigerte vor dem Münchener Oberlandesgericht zwei Jahre und sieben Monate lang jede Aussage. Am 9. Dezember 2015 brach sie dann doch ihr Schweigen. Allein das war eine Sensation.

Zschäpes wie auch immer motivierter Sinneswandel löste zwar vor allem bei den Angehörigen der Opfer verständliche Enttäuschung aus, weil sie sich selbst als Unschuldslamm darstellte. Trotzdem hat sie den NSU-Prozess einen großen Schritt vorangebracht. Denn mit ihrer von einem Pflichtverteidiger verlesenen Erklärung bestätigte sie in wesentlichen Punkten die Anklage. Für die Morde an neun Männern mit ausländischen Wurzeln und einer deutschen Polizistin gibt es nämlich keine Augenzeugen.

Die Taktik des Vorsitzenden Richters Götzl ist aufgegangen

Ob Zschäpe von ihren furchtbaren Freunden wirklich erst im Nachhinein über die Taten informiert wurde, darf man für unglaubwürdig halten. Dass sie persönlich dabei war, als die Opfer kaltblütig erschossen wurden, davon ging selbst die Bundesanwaltschaft nicht aus. Dennoch ist sie wegen Mordes angeklagt, weil sie ihren Komplizen 13 Jahre lang den nötigen „sicheren Rückzugsraum“ organisiert hat. Eine durchaus gewagte Argumentation, die der schwer fassbaren Dimension der rassistischen Verbrechen geschuldet sein dürfte.

 

weiterlesen

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: