heute| Drei Jahre NSU-Prozess – Eine Zwischenbilanz


Mundlos und Zschäpe sollen offenbar während ihrer Zeit im Untergrund in Firmen eines V-Mannes des Verfassungsschutzes gearbeitet haben. Der Untersuchungsausschuss will diesem Verdacht nun nachgehen.

(07.04.2016)

Bild Gerichtssaal NSU-Prozess
Video NSU: Neue Enthüllungen
Video Neue Enthüllungen zu NSU
Video Behörde unter Verdacht

von Joachim Pohl und Christoph Schneider

Seit drei Jahren steht Beate Zschäpe für die Verbrechen des NSU vor Gericht. Am 6. Mai 2013 startete der Mammut-Prozess gegen sie sowie die Mitangeklagten. Vieles ist bereits aufgeklärt, aber einige Fragen sind weiterhin offen. Wir haben eine Zwischenbilanz gezogen.

Die Hauptangeklagte

Kann man vier Jahre U-Haft und drei Jahre NSU-Prozess an einer Person, auf einem Gesicht ablesen? An Beate Zschäpe sind sie nicht spurlos vorüber gegangen. Das einstige Federn im Gang beim Betreten des Saales, das schwunghafte Drehen, um den Kameras den Rücken zu präsentieren, die trotzige Spannung im Blick. Das hat sich geändert. Aber hat sie sich auch geändert? Schwer zu sagen. Noch immer hat sie im Gerichtssaal kein Wort selbst gesprochen. Aber die Hauptangeklagte hat sich nach zweieinhalbjährigem Schweigen zumindest zu Wort gemeldet – ohne zu reden.Am 249. Verhandlungstag verlas ihr neuer Anwalt Mathias Grasel 53 Seiten Aussage vor, als ihre Einlassung. Insoweit ist der 9. Dezember 2015 im Sitzungssaal A 101 in der Münchner Nymphenburger Straße ein gewisser Wendepunkt im Prozess. Die Einlassung erwies sich aber als ziemlich dünn. Seitdem gibt es ein merkwürdiges Kommunizieren über Bande. Das Gericht stellt dazu schriftliche Fragen, die der Anwalt zeitversetzt schriftlich beantwortet, neue Fragen Folgen und so fort.

Die Einlassungen

Immerhin bestätigt Zschäpe im Grunde die Geschehnisse. Das kommt den Bundesanwälten und ihrer Anklage sehr entgegen. Zschäpe schiebt die Morde alleine Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in die Schuhe. Kunststück, beide haben sich umgebracht und können sich nicht mehr äußern. Von den Taten der beiden Uwes, mit denen sie wie in einer Familie zusammenlebte und die mordend durch die Republik reisten, will Beate Zschäpe jeweils erst hinterher erfahren haben.Sie habe nichts gewusst, nichts getan, will nur aus Liebe gehandelt haben, lässt sie ihren Verteidiger sagen. Eine moralische Schuld, die räumt sie ein, eine tatsächliche nicht. Geflissentlich hält Zschäpe auch die Rolle ihre Mitangeklagten oder mutmaßlicher weiterer NSU-Helfer außen vor, belastet niemanden. Und sich selbst schon gar nicht. Es geht um zehn Morde, drei Sprengstoffexplosionen mit mehr als 20 Verletzten und 15 Raubüberfälle – die Schwerpunkte der Anklage.

Die Mitangeklagten

Nach der Erklärung Zschäpes äußert sich auch erstmals Ralf Wohlleben. Er bestreitet, dem NSU die Tatwaffe – eine Ceska – für neun Morde beschafft zu haben. Er kenne sich nicht mit Waffen aus. Carsten S. hat zu Beginn ein Geständnis abgelegt. Er soll die Mordwaffe „Ceska 83“ überbracht haben. Holger G., als Helfer angeklagt, verlas eine Teileinlassung, mehr nicht. Andre E. gibt sich völlig unbeteiligt.

Prozess-Details

Drei Jahre, das sind in Prozesstagen ausgedrückt 280. 280 Mal wird Beate Zschäpe schwerbewacht unter Blaulicht zum Gericht und später wieder zurück in die Zelle gebracht. Dazu der Streit mit ihren ursprünglichen Verteidigern, die ihr zum totalen Schweigen geraten hatten, mit denen sie jetzt aber kein Wort mehr spricht. Stattdessen auf zwei neue Anwälte vertraut, die aber die ersten beiden Jahre allenfalls aus den Akten kennen. Das Gericht spielt mit, offenbar will man jede Möglichkeit nutzen, das spätere Urteil zu fundamentieren.

Die Angehörigen der Mordopfer und weiteren Nebenkläger

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