DLF| Populismus in Deutschland: „Ähnlichkeiten zu den 20er-Jahren werden zunehmend unheimlich“


Der Historiker Paul Nolte sieht im Aufkeimen neuer konservativer und populistischer Bewegungen in Deutschland Parallelen zur politischen Stimmung in den 1920er-Jahren. Zwar seien die Strukturen heute wesentlich gefestigter, dennoch gebe es einen ähnlichen Vertrauensverlust in die Demokratie, sagte er im DLF. Mehr noch: Deutschland stecke in einer Sinnkrise der Moderne.

Paul Nolte im Gespräch mit Michael Köhler

AfD-Wähler in Deutschland und populistische Wähler in ganz Europa teilten ein Unbehagen hinsichtlich Veränderungen, die sie nicht mehr verstünden, so Nolte. Ähnlich sei es auch in den 20er-Jahren gewesen. So etwa bei der Gleichberechtigung der Frau. Auch heute gebe es im Populismus einen Männerüberhang, der ein Problem mit der Gleichberechtigung beziehungsweise mit der Uneindeutigkeit der Geschlechter habe.

Nolte mahnt allerdings zu Vorsicht bei einem solchen Vergleich, denn: Die Geschichte wiederhole sich nicht – es gebe auch sehr viele Unterschiede zwischen heute und damals. So seien die Demokratie und ihre Institutionen viel gefestigter: „Die können nicht einfach so weggeputscht werden.“ Und auch das Bewusstsein in der Bevölkerung sei ein anderes. „Damals gab es keine starke Zivilgesellschaft, wie man sie hier beispielsweise in der Flüchtlingshilfe oder bei Gegendemonstrationen gegen Pegida sieht.“

„Kern der Bewegung ist eine Krise des Weltverständnisses“

Auch sei das „intellektuelle Unterfutter“ für die populistische Bewegung in Deutschland heutzutage schwächer als vor knapp 100 Jahren, meint Nolte. Die Gefahr gehe also nicht von intellektueller Unterwanderung aus, aber von einer „Schwäche des Dagegenhaltens“ der liberalen Intellektuellen: „Das irritiert und ärgert mich, dass die liberalen Intellektuellen nicht stärker dagegenhalten.“

 

weiterlesen

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: