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Thüringen: Polizei begegnet Neonazigroßveranstaltung in Hildburghausen mit Miniaufgebot. Gegendemonstranten kritisieren Bürgermeister, Landrat, DGB und Linkspartei

Von Susan Bonath
 
Bei linken Demonstrationen kommt es öfter vor, dass die Zahl der Polizisten die der Teilnehmer übersteigt. Bei Protesten gegen Neonaziaufmärsche in Dresden und Magdeburg wurden in den vergangenen Jahren Hundertschaften aus der ganzen Bundesrepublik eingesetzt. Am Samstag in der thüringischen 11.000-Einwohner-Stadt Hildburghausen kochte die Polizei hingegen auf Sparflamme: Lediglich 350 Beamte standen mehr als 3.500 Neonazis gegenüber.

Am Unwissen der Behörden kann das nicht gelegen haben: Angemeldet hatten die Organisatoren um Tommy Frenck, Kreistagsmitglied und Kopf des NPD-nahen Bündnisses »Zukunft Hildburghausen«, sowie die NPD-Funktionäre David Köckert und Patrick Schröder einen Aufmarsch und ein Konzert unter dem Motto »Rock für Identität« mit etwa 1.300 Teilnehmern. Gerechnet hatte die Polizei nach eigenen Angaben mit rund 1.500, »wie im letzten Jahr«. Pfingsten 2015 waren allerdings nach polizeilicher Zählung etwa 1.800 Personen zum Rechtsrockfestival nach Hildburghausen gereist.

Für ein solches Aufgebot sei der Einsatz von nur 350 Polizisten »zuwenig und ein falsches Signal«, kritisierte die Thüringer Linke-Vorsitzende Susanne Hennig-Wellsow am Montag gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. »Offenbar hat der Thüringer Verfassungsschutz wieder einmal geschlafen und die öffentlich zugänglichen Informationen nicht deuten können oder wollen«, befand sie. Zuvor hatte Hildburghausens Bürgermeister Holger Obst (CDU) dem Sender MDR gesagt, die Neonazis hätten zahlreiche Parkplätze in dem Ort belagert und so bei der Bevölkerung »Angst und Schrecken verbreitet«. Der dpa versicherte er, es sei sein Ziel, ein solches »Event« im nächsten Jahr zu verbieten. Ob das klappen werde, sei allerdings »eine andere Frage«.

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