n-tv| Multikulti und die versifften 68er: Wo die AfD die deutsche Identität ausgräbt


Von Nora Schareika

Einwanderer, Globalisierung, EU: Aus Sicht der AfD bedroht vieles die deutsche Identität. Aber was ist das eigentlich genau? Manche in der Partei halten Ostdeutschland für ideal, andere gehen weit in die Geschichte zurück.

Die AfD sorgt sich um die deutsche Identität. Das Wort hat sie ebenso ausgegraben wie die längst überwunden geglaubte „Leitkultur“, die neben Neuschöpfungen wie „Altparteien“, „Meinungsdiktatur“ oder „Asylwahnsinn“ die Sprache der Partei prägen. Als der Thüringer Landeschef Björn Höcke am Wochenende forderte, die Bundesvorsitzende Frauke Petry solle sich einmal mit Marine Le Pen vom französischen Front National treffen, begründete er das unter anderem so: Der Front National setze sich „wie die AfD gegen eine weitere Überfremdung ein und für den Erhalt der Identität der europäischen Völker“.

Manchmal stellen AfD-Politiker vor den Begriff Identität noch Attribute wie „deutsch“, „kulturell“ oder auch mal „national“. Aber was meinen sie damit? In den Sozialwissenschaften gehört Identität zu den schwierigsten Begriffen. Generationen von Theoretikern haben sich an Konzepten abgearbeitet, um kulturelle oder nationale Identität zu fassen zu kriegen. Es kann viel oder nichts heißen, wenn jemand sich dieses Begriffs bedient. Der AfD kommt er ungemein gelegen, reichen die Interpretationsmöglichkeiten doch so weit wie das Meinungsspektrum dieser uneindeutigen Partei.

Zu vermuten ist, dass die AfD von einer „deutschen Identität“ eher im Sinne eines landläufigen Verständnisses spricht. Wer auf diese Weise eine Identität beschreiben will, beruft sich auf eine gemeinsame Herkunft, gemeinsame Merkmale oder Idealvorstellungen davon. Diesen Identifikationsankern wird typischerweise das „Andere“ gegenübergestellt, so funktioniert Populismus. Im Grundsatzprogramm der AfD gibt es ein ganzes Kapitel über „Kultur, Sprache und Identität“. Die Sprache ist demzufolge das „zentrale Element“ deutscher Identität. Auch „Leitkultur“ (ursprünglich eine Schöpfung des früheren CSU-Chefs Edmund Stoiber) hat für die AfD etwas mit Identität zu tun. Laut Programm ist die deutsche Leitkultur eine, die auf „der religiösen Überlieferung des Christentums, zweitens der wissenschaftlich-humanistischen Tradition … und drittens dem römischen Recht“ basiert. In der parteiinternen Debatte werden die Bedrohungen für die deutsche Identität jedoch eher in einer behaupteten Überfremdung gesehen, deren schlimmste Spielart eine schleichende Islamisierung sein soll.

 

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