Carolin Emcke: Fehlleistungen


Verlegte, vergessene oder vernichtete Unterlagen: Die Liste der Fehlleistungen bei der Aufklärung der NSU-Verbrechen würde für eine Vorlesung von Sigmund Freud reichen.

Von Carolin Emcke

Man verliert eine Sache, wenn sie schadhaft geworden ist“, erläuterte Sigmund Freud in seinen Vorlesungen über die Fehlleistungen aus dem Jahr 1916. Man verliere sie, „wenn sie aufgehört hat, einem lieb zu sein, wenn sie von einer Person herrührt, zu der sich die Beziehungen verschlechtert haben oder wenn sie unter Umständen erworben wurde, deren man nicht mehr gedenken will“. Freud untersucht unter dem Stichwort „Fehlleistungen“ unterschiedliche Beispiele des Verlierens oder Verlegens, denen allen gemein ist, „dass man etwas verlieren wollte“, und die sich allein darin unterscheiden, aus welchem Grund oder zu welchem Zweck etwas vorübergehend oder endgültig abhandenkommt. An diese klassische Definition gilt es immer dann zu denken, wenn mal wieder im Zusammenhang mit der Aufklärung der Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) irgendetwas verschwunden ist, das von Belang sein könnte, weil es von irgendeinem Behördenchef oder -mitarbeiter verlegt, verloren oder vernichtet wurde.

Die Liste der kuriosen Fehlleistungen ist so lang, dass sie für eine eigene Vorlesung Freuds reichen würde: Als ein Referatsleiter im Bundesamt für Verfassungsschutz im November 2011 (drei Tage, nachdem sich Beate Zschäpe der Polizei gestellt hatte) mehrere Akten über V-Männer im NSU-Umfeld (mit den grotesken Decknamen „Tinte“, „Tusche“, „Tonfarbe“, „Treppe“, „Tacho“, „Tarif“) vernichten ließ, urteilte die Staatsanwaltschaft Köln, dabei habe es sich um keine Straftat gehandelt. Eine bewusste Vertuschungsabsicht sei nicht erkennbar. Das Oberverwaltungsgericht Münster erklärte die Aktion zu einer „einmaligen Fehlleistung“, die „nichts mit dem Inhalt der Akten“ zu tun gehabt habe. Das ist durchaus bemerkenswert, denn wenn die Aktion nichts mit dem Inhalt der Akten zu tun gehabt hätte, wäre es auch keine Fehlleistung gewesen. Stattdessen birgt eine Fehlleistung eher Hinweise darauf, dass jemand in den Akten aufgehört hat, der Behörde lieb zu sein oder dass der Referatsleiter der Umstände, unter denen die Akte angelegt wurde, nicht mehr gedenken will. Es ist nachträglich nur nicht mehr auszumachen, ob das Material deswegen belastend war, weil es zu viel Wissen über den NSU und seine Verbrechen enthielt – oder womöglich zu wenig.

 

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