wdr|Wurde V-Mann „Corelli“ doch umgebracht?


Von Tobias Al Shomer

  • Staatsanwaltschaft will Fall nach WDR-Infos neu untersuchen
  • Gutachter revidiert Aussage
  • Ein neues toxikologisches Gutachten soll Klarheit bringen

Kein gewöhnlicher Todesfall

Als der V-Mann des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Thomas Richter, besser bekannt unter seinem Arbeitsnamen „Corelli“, am 7. April 2014 in Paderborn tot aufgefunden wird, ist schnell klar: Das hier ist kein gewöhnlicher Todesfall. Corelli war im Schutzprogramm des Verfassungsschutzes. 18 Jahre spitzelte er deutschlandweit in der militanten Neonazi-Szene, bis er 2012 auffliegt. In der Szene ist er jetzt ein Verräter und in Gefahr. Deshalb muss er von Leipzig schließlich nach Paderborn ziehen. Dort steht er unter dem Schutz des Verfassungsschutzes. Geholfen hat es ihm nicht.

Todesursache Zuckerschock

Für seinen Tod finden Rechtsmediziner schnell eine plausible Erklärung: hyperglykämischer Schock in Folge einer unbekannten Diabetes. Tod durch Überzuckerung. Die Staatsanwaltschaft holt ein laborchemisches Gutachten in Münster ein – Ergebnis: keine Auffälligkeiten. Als dann der erfahrene Diabetologe Werner Scherbaum aus Düsseldorf in seinem Gutachten feststellt, dass es gar keine Substanz gebe, die solch einen hyperglykämischen Schock auslösen könne, schließt die Staatsanwaltschaft Paderborn den Fall – ohne ein umfassendes toxikologisches Gutachten einzuholen. Dass Corelli umgebracht wurde, wird ausgeschlossen.

Wurde Corelli doch umgebracht?

Vor einer Woche dann im NSU-Untersuchungsausschuss Landtag NRW die Wende. Werner Scherbaum ist als Zeuge geladen, soll sein Gutachten erklären, doch inzwischen ist es für ihn selbst unerklärbar geworden. In der Vorbereitung auf den Ausschuss hat sich der Diabetes-Experte noch einmal in die Tiefen seines Fachgebiets eingearbeitet und ist dabei auf drei Substanzen gestoßen, die einen hyperglykämischen Schock auslösen können: Vacor, ein Rattengift, Streptozocin und Alloxan, die häufig bei Tierversuchen verwendet werden.  Alle Substanzen zerstören die Insulin-produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse. Wurde Corelli doch umgebracht? Dafür komme nur Vacor in Frage, erklärt Werner Scherbaum auf WDR-Anfrage, und selbst das sei unwahrscheinlich. „Diese Substanz, das Vacor, das ich dem Ausschuss gesagt  habe, wurde 1975 auf den Markt gebracht, aber dann auch wieder 79 vom Markt genommen. Das heißt die gibt es gar nicht mehr. Aber ich kann nicht ausschließen, dass irgendwo auf nem Lager noch so eine Substanz verfügbar ist, dass jemand das anwendet.“

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