Zum Tod meines großen Lehrers am Gymnasium Antonianum in Vechta, von Hubert Kattenbaum



Blowin‘ In The Wind (Bob Dylan) How many roads must a man walk down, Before you call him a man? How many seas must a white dove sail, Before she sleeps in the sand How many times must a cannonballs fly, Before they’re forever banned? The answer, my friend, is blowing in the wind, The answer is blowing in the wind. How many years must a mountain exist, Before it is washed to the sea? How many years can some people exist, Before they’re allowed to be free? How many times must a man turn his head, And pretend that he just doesn’t see?

Mit unserem Deutschlehrer, dem auch von der Klasse über seinen Tod geschätzten Hubert Kattenbaum am Vechtaer Gymnasium lasen wir Bert Brecht, Max Frisch, Paul Celan, Samuel Beckett und Franz Kafka und entdeckten eine andere, humane, freie Welt, die uns gerade deshalb so ansprach, weil sie alles bisherige infrage stellte und die Verbrechen des Krieges thematisierte, seine Ursachen und Wirkungen.

Wir lernten Fragen zu stellen, ja wir wurden aufgefordert sie zu stellen. Was ist mit Andrej im Woyzeck? Was passiert mit den Ausgestoßenen in Andorra? Welche Wirkung hat die Doppelmoral, mit der sich das Dorf das Geld der alten Dame auf Besuch teilt? Die Welt der Literatur wurde für uns wirklich und erschien real. Wir lösten un­sere Bremsen. Wir diskutierten die Probleme des Krieges, des letzten vor allem, die Ermordung der Juden. Wir wurden gewahr, dass die Situation der fünfziger Jahre ein wenig abbildete, was vorher war: den Nihilismus der Mordmaschine, wie sie Wolfgang Borchert beschrieben hat, die Zerstörung der Welt und der Personen, die noch in ihr lebten. So bei Alfred Döblin, so in Bert Brechts Trommeln der Nacht, später Franz Fühmann, immer wieder Heinrich Böll und eben auch Albert Camus und Jean-Paul Sartre. Wir ahnten, dass das Leben, in das wir hineingeboren worden waren, so nicht lebenswert war. Wir mußten ausbrechen. Lust an der Rebellion. Rolf Brinkmann. Die neue Literatur aus den Vereinigten Staaten.

1960 und 1961 sahen wir Ausschnitte aus dem Prozess gegen Eichmann in Jerusalem: das verkniffen bürokratische Gesicht, die Konfrontation mit seinen Opfern im Gerichtssaal. Wenig später die drastischen Berichte über den alltäglichen Sadismus der Peiniger in Auschwitz. Die Boger Schaukel, ein Ast, der auf dem Nacken eines Gefangenen gelegt und auf den Boger mit beiden Beinen sprang, so dass das Genick brach. Die Brutalitäten eines Kaduk. Wir lasen das in den Zeitungen. Das tief traurige, verzweifelte Gefühl, das mich bei der Lektüre von Anne Frank erfasst hatte, kehrte wieder. Unser geschätzter Deutschlehrer Hubert Kattenbaum, sprach es an.

Wir lasen ungefähr zu jener Zeit die Todesfuge von Ernst Celan, dieses wahnsinnige Gedicht, das den Reim enthält, den ich später von Ernst Celan mit immer gehetzterer Stimme vorgetragen gehört hatte: wir tranken Sie (die schwarze Milch) früh wir tranken sie mittags wir tranken Sie abends. Dieser Deutschlehrer war einer der wenigen, der solche Themen aufgriff, der offen, ja in unseren Augen revolutionär war, dadurch, dass er das ganz verpönte und tabuisierte offen und kreativ ansprach. Er öffnete uns eine andere realistischere Welt von uns und der Welt. Er war mit auf unserer Klassenfahrt nach Berlin und wir sahen uns in der Lage, selbst dem DDR Grenzsoldaten, der unseren Bus kontrollierte, die fälligen kritischen Fragen zu stellen. Warum stehen wir hier solange? Was wollen Sie mit unserem Ausweis? – war noch das geringste. Jede Autorität stellten wir in Frage. Das alles war eine ungeheure Befreiung.

In einem vielstündigen Wanderung um die Thülsfelder Talsperre hat Hubert Kattenbaum drei Jahrzehnte später mir von seinem Leben erzählt, von seinen frühen schwierigen Jahren als Katholik in Oldenburg, der nicht zur Hitler Jugend ging, von seinen wunderbaren Studienjahren in Theologie und Philosophie in Frankfurt, auch bei Theodor Adorno, er hat mich mit seiner Kritik, mit seinem Scharfsinn, mit seiner sprachlichen und literarischen Intuition und Genialität beeinflusst, in meiner Jugend inspiriert wie kein zweiter! Ich sehe es als meine  persönliche Verpflichtung an, in diesem Sinn auch öffentlich kritisch zu sein für ein besseres Zusammenleben aller Menschen hier und woanders.

Ich erinnere mich, wie er im langen Weg um die Thülsfelder Talsperre davon erzählte, wie es auch am Gymnasium Antonianum schwer war, Dinge kritisch anzusprechen. Ein Teil der Lehrer wollte nicht, dass man über den Eichmann Prozess im Unterricht redet. Es gab heftigste Auseinandersetzungen. Aber Hubert Kattenbaum hat uns an die Lektüre geführt, die uns erschüttert hat. Und genau dadurch hat er unser Leben, mein Leben befreit, gerettet, es lebenswert gemacht. Über allem also war es die Liebenswürdigkeit von Hubert Kattenbaum.

Und so groß wie seine Liebenswürdigkeit ist unsere Trauer. Ich danke ihm.

Hajo Funke, Berlin/Friesoythe, den 6. August 2016

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