Hajo Funke| Berlin und die Verwandlung von Saul Friedländer


Berlin und die Verwandlung von Saul Friedländer

Zu seinem Buch: Wohin die Erinnerung führt. Mein Leben (München 2016)

Im Frühjahr 1986, daran erinnert Saul Friedländer in seinem sehr kurzen dritten Teil Deutschland, warum eine persönliche Begegnung mit dem jüngst verstorbenen Historiker Ernst Nolte ihn mit einigen anderen Erfahrungen in Deutschland dazu gebracht hat, in den folgenden 20 Jahren seine einzigartige Studie: Das Dritte Reich und die Juden. Verfolgung und Vernichtung 1933-1945 zu konzipieren und durchzuführen. Ernst Nolte hatte ihn zusammen mit deutschen Kollegen zum Abendessen eingeladen und ihn schon beim Einnehmen der Suppe mit der Mitschuld der Juden an ihrer Vernichtung konfrontiert: Hat nicht Weizmann im September 1939 erklärt, das Weltjudentum werde auf der Seite Großbritanniens gegen Deutschland kämpfen? Und: Herr Friedländer, bedeutet das nicht, dass sich das Weltjudentum damit im Krieg mit Deutschland befand und Hitler daher die Juden als Feinde betrachten und sie als Kriegsgefangene in Konzentrationslagern interniert konnte?

Friedländer verließ mit einem Kollegen unmittelbar danach das Essen; andere blieben. Friedländer schreibt: Während wir zu unserer jeweiligen Unterkunft gefahren wurden, zitterte ich buchstäblich. Dieses Zittern legte sich irgendwann, aber eine furchtbare Angst hielt mich die ganze Nacht wach. Ich wünschte mir nur noch eins: Berlin und Deutschland so schnell wie möglich zu verlassen. (Friedländer 2016:244) Als ich Saul Friedländer einige Tage danach zu einem verabredeten Interview traf, war er so aufgewühlt, dass wir das Interview um Monate verschoben und in Jerusalem durchführten.

Angekündigt hatte sich allerdings dieses für sein weiteres Leben zentrale Anliegen schon zehn Jahre zuvor, als er begonnen hatte, Wenn die Erinnerung kommt zu verfassen, indem er über Kindheit und Krieg, vor allem aber die Trennung von seinen Eltern im von Hitler-Deutschland besetzten Frankreich erzählte. Die Eltern ließen den Zehnjährigen in der Obhut freundlicher katholischer Schwestern, im Glauben, so den Jungen wie sich selbst zu retten. Sie versuchten, illegal in die Schweiz zu gelangen, wurden gefasst, den französischen Behörden übergeben und in Auschwitz ermordet. Schon zu dieser Zeit in der zweiten Hälfte der 70er Jahre, so berichtet Saul Friedländer, begann seine Wandlung, sich auf geeignete Weise dem Nationalsozialismus und der Ermordung der Juden, seinem späteren Lebensthema zu stellen.

Die Begegnung mit Ernst Nolte und einem weiteren Historiker in Deutschland hat Saul Friedländer als Herausforderung gesehen, eine integrierte Geschichte zu schreiben, in der das Vorgehen der Nationalsozialisten, die Haltung der Gesellschaften und die Reaktionen der Juden zeitgleich dargestellt werden sollten. Dazu kontrastierte er die Politik der Nationalsozialisten und ihrer Kollaborateure mit Auszügen aus Tagebüchern und Briefen, in denen sich das Unverständnis und die Furcht, die Verzweiflung und die Hoffnung der in der Falle sitzenden Opfer unmittelbar äußerten. Diese Schreie und dieses Flüstern würden den normalisierenden Gang des historischen Erzählens gewissermaßen ins Stolpern bringen und wenn auch nur kurz jenes distanzierte intellektuelle Verstehen erschüttern, das historische Darstellung notwendigerweise bewirkt (Friedländer auf Seite 296). Sein über 1300 Seiten starker Doppelband Das Dritte Reich und die Juden erscheint 2006, 20 Jahre nach seiner Begegnung mit Ernst Nolte und 30 Jahre nach seiner Arbeit an Wenn die Erinnerung kommt. Es erscheint zunächst in Deutsch. Es ist eine unüberbotene einzigartige Erzählung.

Ein Jahr später erhält Friedländer den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (2007). Neun Jahre nach Martin Walser, der die Erinnerung an den Holocaust als Moralkeule kritisierte und dafür mit stehenden Ovationen gefeiert wurde – bis auf den damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, der sitzen blieb und nicht applaudierte.

2007 zitiert Friedländer aus Briefen, unter anderem der seiner Tante Martha aus Prag, die im Büro der dortigen jüdischen Gemeinde gearbeitet hat: Anfang 1943 schrieb sie an meine Großmutter in Schweden, dass jetzt alle Angestellten der Gemeinde für den Transport vorgesehen sein. Sie sei glücklich, schrieb sie, nach Osten fahren zu können, da sie Elli und Hans (meinen Eltern) näher sein würde und sie schließlich treffen könne … – und endet 2016 so: Meine Arbeit zum Holocaust war an ein Ende gekommen. Arno Lustiger, der große spätberufene Historiker des Widerstands der Juden in Europa, saß zufällig in der gleichen Reihe. Ich sah ihn weinen. Nicht nur er weinte.

Der große Traum Israel – Gescheitert?

Mit 16 war der junge Friedländer 1948 der katholisch-französischen Obhut entkommen, um am Unabhängigkeitskampf Israels teilzunehmen. Er wurde zum glühenden Zionisten und hatte zeitweise wichtige Funktionen unter Ben Gurion und Schimon Peres als junger aufstrebender Wissenschaftler und Politiker. Diese starke Identifizierung, wurde nach dem Sechstagekrieg und der Besetzung der palästinensischen Gebiete tief erschüttert. Ihm missfiel das Getöse einer verbreiteten nationalen Jubelstimmung, von der er selbst erfasst worden war, deren Demütigung der Palästinenser ihn allerdings immer stärker bedrückte. Er beschreibt die Wut, mit der die damalige Ministerpräsidenten Golda Meir auf seinen Versuch, mit den Palästinensern ins Gespräch zu kommen reagierte. Hybris kennzeichnete die israelische Haltung gegenüber der arabischen Welt (einschließlich der Palästinenser), ein törichtes Überlegenheitsgefühl und maßlos übersteigerte Selbstvertrauen (Friedländer 2016:170). Diese Bedrückung verschärfte sich noch, als selbst befreundete Politiker wie Schimon Peres die Zusammenarbeit mit der rechtsgerichteten Siedlerbewegung Gusch Emunim bei der Errichtung immer neuer Siedlungen vorantrieb (ebd 181). Sein Freund Uri Tal sprach gar von der Gefahr eines israelischen Faschismus (ebd 181). Seines Erachtens verschärfte sich die politische Entwicklung in Israel während der achtziger Jahre noch einmal, nicht zuletzt mit dem von Ariel Sharon „herbeigetricksten“ Libanonkrieg des Jahres 1982, an dessen Ende libanesische Milizen, als „Verbündete“ Israels, hunderte Palästinenser in den Flüchtlingslagern von Sabra und Shatila massakrierten (ebd 201) 400.000, daran erinnert Saul Friedländer, protestierten auf dem heutigen Rabinplatz in Tel Aviv „gegen diesen Horror“. Uri Tal, mein Freund Uri, der zunehmend depressiver geworden war, nahm sich das Leben.

Mit den demokratischen Linken, auf Massendemonstration von Peace Now wandte er sich auch öffentlich später gegen die Politik des „gefährlichen Fanatikers“ Shamir, der „jeden Kompromiss und den winzigsten Schritt hin zum Frieden bekämpfte“. (ebd 209) Der Oslo Prozess in den neunziger Jahren, auf den er gesetzt hatte, endete mit dem Mord an Itzhak Rabin, dem, der am ehesten einen Kompromiss-Frieden hätte in der israelischen Öffentlichkeit durchsetzen können. Dieser große zweite Teil über Israel trägt den Titel: Der gescheiterte Traum.

 

Dies sind nur wenige Hinweise auf eine beeindruckende Darstellung. Saul Friedländers Erinnerung hat ihn auf das Deutschland des Nationalsozialismus und das Deutschland, das mit  dieser Erbschaft umzugehen versucht, geführt. Er beschreibt, wie er immer wieder erfolgreich den Dialog gerade mit deutschen Historikern und Wissenschaftlern gesucht hat und die deutsche Öffentlichkeit. Aber seit den schwierigen Begegnungen heute vor 30 Jahren ist diese Auseinandersetzung nicht mehr über längere Zeit-Strecken in Deutschland geführt worden, sondern nach seinen Lehrtätigkeiten in Genf, Jerusalem und Tel Aviv aus dem kalifornischen Los Angeles von der dortigen historischen Fakultät.

Durch seine faszinierende Mischung weitreichender historischer Entdeckungen und seiner schriftstellerischen Stilsicherheit wurde er einer der weltweit wichtigsten öffentlichen Intellektuellen, der sich auf seine zurückhaltende Weise gleichwohl – wenn es darauf ankam – unerbittlich einmischte – und einmischt. Saul Friedländer – schreibt der Verlag C. H. Beck – ist noch ein halbes Kind, als der Zweite Weltkrieg zu Ende geht. Sanft und in einer wunderschönen Sprache erzählt der große Historiker des Holocaust von seinem Leben danach, das reich ist an Erfahrungen und Begegnungen, aber das Leben eines Entwurzelten bleibt. Wohin die Erinnerung führt ist das großartige Zeugnis einer Epoche und gewährt ungewöhnlich zugleich offen Einblick in die fragilen Gefühlswelten eines Überlebenden.

Und immer geht es ihm in seinen öffentlichen Interventionen bis heute gerade in seiner vornehmen Zurückhaltung um die einzige Lehre, die man aus der Shoah ziehen könne:

Erhebt euch gegen das Unrecht, gegen willkürliche Verfolgung, gegen die Weigerung, das Menschsein und die Rechte der anderen anzuerkennen (259).

Friedländer zeigt, wohin die Erinnerung führen kann, wenn man sich ihr stellt: in das, was jetzt hier und anderswo gegen die Entfesselung des Ressentiments gegen vermeintliche Sündenböcke und die damit verbundene Gewalt zu tun ist.

(Saul Friedländer stellt in diesen Tagen in Deutschland sein neues, vorläufig letztes Buch, seine Biografie vor.)

Hajo Funke, Berlin, den 25. September 2016

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