CDU-NRW| Offene Fragen zum Fall Anis Amri


Offene Fragen zum Fall Anis Amri an den Innenminister Jäger:

Jäger hat in der Sondersitzung des Innenausschusses vom 5. Januar 2017 nach bekannter Manier die Behörden anderer Länder und des Bundes für eigene Versäumnisse verantwortlich gemacht. Nahezu alle wesentlichen Fragen, die sich im Hinblick auf den Zuständigkeitsbereich des Ministeriums für Inneres und Kommunales stellen, sind vom Minister nicht beantwortet worden.

Aus diesem Grund wird die Landesregierung gebeten, im Wege eines ausführlichen schriftlichen Berichts zu folgenden Fragestellungen Stellung zu nehmen:

A. Ausbleibende Festsetzung Amris in Nordrhein-Westfalen

In der Sondersitzung des Innenausschusses vom 05.01.2017 hat Minister Jäger zutreffend ausgeführt, dass für den Erlass einer Abschiebungsanordnung nach § 58a AufenthG Tatsachen erforderlich seien, bloßes Hörensagen reiche nicht aus. Die nordrhein-westfälischen Sicherheitsbehörden wussten jedoch, dass Amri gewaltbereit und islamistisch radikalisiert war. Sie wussten auch, dass er sich dem IS als Selbstmordattentäter angeboten hatte. Sie wussten ferner, dass er sich nach dem Erwerb von Schusswaffen und nach Anleitungen zur Herstellung von Sprengstoff erkundigt hatte. Sie wussten schließlich auch, dass er unter 14 verschiedenen Alias-Namen unterwegs war. Dies alles ist kein Hörensagen, das sind Tatsachen.Davon, dass die Tatbestandsvoraussetzungen für den Erlass einer Abschiebungsanordnung im Fall Amri wohl vorlagen, scheint auch der innenpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion auszugehen, der während der Sondersitzung die Frage aufwarf, weshalb eine solche Anordnung hier nicht gemäß § 58a Abs. 2 AufenthG erlassen worden sei.

1.) Zu welchen Zeitpunkten ist vor dem Hintergrund der o.g. Tatsachen der Erlass einer Abschiebungsanordnung gegen Amri im NRW-Innenministerium erwogen worden?

2.) Ist der Erlass einer Abschiebungsanordnung gegen Amri im NRWInnenministerium zumindest ab dem 24.10.2016 – nachdem Interpol die tunesische Staatsangehörigkeit bzw. Identität Amris eindeutig bestätigt hatte – erwogen worden?

3.) Der Innenminister und seine Beamten haben in der Sondersitzung des Innenausschusses vom 05.01.2017 auch ausgeführt, dass aus ihrer Sicht eine Abschiebungsanordnung vor Gericht hätte scheitern können. Welche Beweggründe haben das Innenministerium davon abgehalten, es nicht zumindest trotzdem zu versuchen und die Möglichkeit des Scheitern dabei hinzunehmen?

4.) Im ARD-Morgenmagazin vom 30.12.2016 hat der Innenminister erklärt: „Wir können in Deutschland niemanden, weil Sicherheitsbehörden jemanden verdächtigen, möglicherweise etwas zu tun, präventiv in Haft nehmen.“ Diese Aussage wiederholte der Minister auch in der Sondersitzung des Innenausschusses vom 05.01.2017. Hält der Minister diese Aussage aufrecht?

5.) Mit dem Unterbindungsgewahrsam nach § 35 Abs. 1 PolG NRW existiert ein Instrument, um Gefährder kurzzeitig festzusetzen, bevor sie eine Straftat begehen. Ist gegenüber Amri seitens der Polizei NRW jemals über diese Option nachgedacht worden? Wenn ja: Mit welchem Ergebnis? Wenn nein: Warum nicht?

6.) Haben die Sicherheitsbehörden und das NRW-Innenministerium in Amri einen Informanten gesehen, dessen Überwachung weitere Kontakte erschließt?

7.) Haben die NRW-Sicherheitsbehörden und das NRW-Innenministerium das „Risiko Amri“ in Kauf genommen, weil man sich von seiner Überwachung weitere Erkenntnisse in Bezug auf die nordrhein-westfälische Islamistenszene erhoffte?

8.) Ist Anis Amri V-Mann des NRW-Verfassungsschutzes gewesen?

In der Sondersitzung des Innenausschusses vom 05.01.2017 hat Innenminister Jäger wiederholt behauptet, eine Abschiebungsanordnung gemäß § 58a AufenthG sei in der Praxis noch kein einziges Mal erlassen worden. Demgegenüber hat die Bundesregierung in ihrer Antwort vom 02.09.2011 auf eine Kleine Anfrage von Abgeordneten der Grünen-Bundestagsfraktion ausgeführt: „Nach Kenntnis der Bundesregierung ist im Jahr 2006 in einem Fall eine Abschiebungsanordnung nach § 58a AufenthG erlassen worden“ (Bundestags-Drs. 17/6901, S. 13).

9.) Hält Innenminister Jäger an seiner o.g. Aussage fest, wonach eine Abschiebungsanordnung gemäß § 58a AufenthG in der Praxis noch nie erlassen worden sei?

B. Kontrolle von Amri durch NRW-Behörden

1.) Innenminister Jäger erklärte in der Aktuellen Stunde des WDR vom 30.12.2016 Folgendes: „Wir diskutieren heute mit dem Wissen von heute. Wir müssen mit dem Wissen vor dem Anschlag diskutieren, was die Sicherheitsbehörden seinerzeit hatten.“ Diese Aussage hat der Minister gegenüber anderen Medien wiederholt. Auch im ARD-Morgenmagazin vom 30.12.2016 erklärte er: „Im Nachhinein ist man immer schlauer.“ In der Sondersitzung des Innenausschusses vom 05.01.2017 äußerte er sich genauso. Nach Veröffentlichungen des Recherchenetzwerks von SZ, NDR und WDR hatten die Sicherheitsbehörden jedoch ein sehr genaues Bild von Amri. Bekannt waren den Behörden demnach insbesondere folgende Informationen (vgl. dazu Rheinische Post vom 29.12.2016 und Westdeutsche Zeitung vom 30.12.2016):

• das Gemeinsame Terrorismus-Abwehrzentrum (GTAZ) hat sich im Laufe des Jahres 2016 insgesamt 7 mal mit Amri beschäftigt und dessen Gefährdungspotenzial erörtert;

• die Sicherheitsbehörden in NRW hatten nur 5 Tage vor dem Anschlag in Berlin ein 17-seitiges Dossier über Amri fortgeschrieben;

• sie wussten demnach durch Auswertung eines sichergestellten Handys, dass der Tunesier im Internet nach Bauanleitungen für Rohrbomben und chemischen Formeln gesucht hat, die bei der Herstellung von TNT benötigt werden;

• sie wussten, dass Amri schon Anfang Februar 2016 im Kontakt mit Vertretern des IS stand und sich diesen in einem Chat verdeckt als Selbstmordattentäter angeboten hatte;

• sie wussten, dass Amri sich bei einem Informanten der Polizei nach einer Schusswaffe erkundigt haben soll;

• ihnen lagen Bilder und Audionachrichten vor, aus denen Amris radikalsalafistische Gesinnung hervorging;

• im Personenprofil der NRW-Sicherheitsbehörden war vermerkt, dass von Amri 8 verschiedene Personalien und 6 verschiedene Namen bekannt waren;

• in dem Dossier waren zudem 9 Kontaktpersonen Amris aufgelistet, darunter die im November 2016 festgenommenen IS-Unterstützer Hasan C. aus Duisburg und Boban C. aus Dortmund, die beide zum Netzwerkdes ebenfalls im November festgenommenen Predigers Abu Walaa zählten;

• die Sicherheitsbehörden wussten auch, wo Amri welche Moscheen besucht hatte (15 in NRW, davon allein 12 im Ruhrgebiet);

• sie wussten, dass Amri in 2 dieser Moscheen als Vorbeter aufgetreten ist;

• sie wussten auch, dass Amri den Schlüssel zu einer Koranschule in Dortmund hatte, in der er auch übernachtete;

• mobile Einsatzkommandos haben Amri zeitweise sehr intensiv observiert;

• die nordrhein-westfälische Justiz wusste, dass Amri im November 2015 unter zwei Namen Sozialleistungen in Emmerich und Oberhausen beantragt hatte. Im April 2016 eröffnete die Staatsanwaltschaft Duisburg deswegen ein Ermittlungsverfahren wegen Sozialleistungsbetrugs gegen Amri;

• Anfang 2016 wurde zudem wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz gegen Amri ermittelt. Im Sommer 2016 fiel er wegen einer gefährlichen Körperverletzung auf;

• der Generalbundesanwalt war in den Fall Amri eingeschaltet, ebenso der Berliner Generalstaatsanwalt.

2.) Welche Erkenntnisse über Amri – abgesehen davon, dass er einen Terroranschlag in Berlin begehen würde – sind also erst nach dem Berliner Anschlag gewonnen worden?

3.) Inwiefern unterscheidet sich das Behördenwissen über Amri „von heute“ von dem Wissen, dass die Behörden bis zum 19.12.2016 über Amri angehäuft hatten?

4.) Die Aussage des Innenministers „Wir diskutieren mit dem Wissen von heute“ und „Hinterher ist man immer schlauer“ implizieren, dass mit dem heutigen Kenntnisstand anders mit Amri verfahren worden wäre, als bis zum 19.12.2016. Welche genauen ausländer- bzw. ordnungs- und polizeirechtlichen Maßnahmen sowie strafprozeßualen Maßnahmen wären nach Ansicht des Ministers „mit dem Wissen von heute“ bereits bis zum 19.12.2016 möglich gewesen? (Bitte die entsprechenden Maßnahmen jeweils ausführlich begründen.)

5.) In welchen exakten Zeiträumen hat Amri sich in Nordrhein-Westfalen aufgehalten?

6.) In der Aktuellen Stunde des WDR vom 30.12.2016 sagte Minister Jäger über Amri: „Er war bis zum 5. Dezember 2016 in Nordrhein-Westfalen gemeldet.“ In den Medien wird berichtet, er sei seit Dezember „untergetaucht“ gewesen (SZ-Online vom 23.12.2016). Wie ist das einzuordnen? Wodurch ist die Meldung in NRW am 05.12.2016 beendet worden?

7.) In der Aktuellen Stunde des WDR vom 30.12.2016 hat Innenminister Jäger erklärt: „Meldeauflagen verhindern kein Attentat. Man kann sich morgens bei der Behörde melden und mittags schon um 12 Uhr in Berlin sein und ein Attentat begehen.“ Das mag sein. Stimmt der Minister aber dennoch der Einschätzung zu, dass man durch die Verhängung von strikten Meldeauflagen gegenüber Amri zumindest sehr genau gewusst hätte, wo sich dieser sich z.B. am Morgen der Tat aufgehalten hat und dass beispielsweise auch sein Untertauchen unmittelbar bemerkt worden wäre, wenn Amri einer Meldepflicht unterlegen hätte?

8.) Ist dem Innenminister bekannt, dass im Aufenthaltsgesetz ein § 56 mit der Überschrift „Überwachung ausgewiesener Ausländer aus Gründen der inneren Sicherheit“ existiert? Diese Vorschrift ist genau deshalb geschaffen worden, weil der Gesetzgeber den Wert von Meldeauflagen zur Überwachung islamistischer Gefährder erkannt hat. Hält der NRW-Innenminister diese Vorschrift für überflüssig?

In der Aktuellen Stunde des WDR vom 30.12.2016 ist Innenminister Jäger gefragt worden, ob NRW alles Nötige und Mögliche getan habe, um das Attentat zu verhindern. Darauf antwortete er: „In der wenigen Zeit, als er in Nordrhein-Westfalen war, ist er beobachtet worden.“ Weiter hat Herr Jäger in diesem Interview ausgeführt: „Das Papier, was Ihnen aus dem LKA vorliegt – zeigt minutiös, dass, wenn er in Nordrhein-Westfalen war, sehr genau beobachtet wurde.“

9.) Ob Amri wirklich lückenlos beobachtet worden ist, ist damit jedoch nicht gesagt und wurde seitens des Ministeriums auch in der Sondersitzung des Innenausschusses trotz expliziter Nachfrage der CDU-Fraktion nicht beantwortet. Daher erneut die Frage: Ist Amri während seiner Aufenthalte in NRW tatsächlich jeweils lückenlos observiert worden oder gab es Phasen, in denen die NRW-Sicherheitsbehörden ihn aus dem Blickfeld verloren hatten, z.B. unmittelbar nach einer Rückkehr aus Berlin oder anderen Bundesländern?

10.) Falls es Lücken in der Überwachung Amris in NRW gab: Warum gab es diese Lücken und von wann bis wann dauerten sie an?

11.) Minister Jäger hat im ARD-Morgenmagazin am 30. Dezember auf die Frage, warum Amri nicht rund um die Uhr bewacht worden ist, Folgendes geantwortet: „Er ist observiert worden, insbesondere vom LKA in Berlin […] Die Sicherheitsbehörden auch in Berlin kamen letztendlich zu dem Schluss, dass es wirklich keine Hinweise gibt auf eine aktuelle Anschlagsplanung durch ihn“. Wie definiert der Minister den Begriff „aktuelle Anschlagsplanung“? Wann würde er von einer aktuellen Planung sprechen?

12.) Was muss neben der Informationsbeschaffung zu Bombenbau und Sprengstoffherstellung, dem Bemühen um eine Schusswaffe und dem Angebot an den IS, als Selbstmordattentäter zu fungieren, noch vorliegen, damit die Anschlagsplanung eines gewaltbereiten Salafisten, der sich konspirativ verhält und mit 14 Alias-Namen durchs Land reist, aus Sicht von Innenminister Jäger aktuell wird?

13.) In der Süddeutschen Zeitung vom 04.01.2017 heißt es, dass das LKA NRW den Sicherheitsbehörden am 17. Februar 2016 Folgendes mitgeteilt habe – Zitat: „Aufgrund der vorliegenden Erkenntnisse ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt davon auszugehen, dass Amri seine Anschlagsplanungen ausdauernd und langfristig verfolgen wird.“ Ist das zutreffend? Wenn ja: Wie kam das LKA zu dieser Bewertung?

14.) Wann und aus welchen Gründen wurde die engmaschige Beobachtung Amris durch die NRW-Sicherheitsbehörden eingestellt?

15.) In der Sondersitzung des Innenausschusses vom 05.01.2017 wurde bestätigt, dass die NRW-Sicherheitsbehörden nur 5 Tage vor dem Anschlag in Berlin ein 17-seitiges Dossier über Amri fortgeschrieben haben. Wann und aus welchen Gründen wurde dieses Dossier erstmals angelegt?

16.) Wie erklärt sich Minister Jäger, dass dieses Dossier an die Öffentlichkeit gelangt ist?

17.) Über wie viele Personen existiert ein solches Dossier?

Im ARD-Morgenmagazin hat Innenminister Jäger am 30. Dezember gesagt: „Die Einschätzung der Sicherheitsbehörden war zum Schluss: eigentlich entwickelte er [also Amri] sich weg vom Dschihadismus und Salafismus hin zur allgemeinen Kriminalität.“ Gegenüber DPA erklärte der Minister am gleichen Tag, dass der Eindruck entstanden sei, dass Amri „ins Drogenmilieu abrutsche“.

18.) Welche Behörde genau hat diese Einschätzung vorgenommen?

19.) Sofern eine Behörde außerhalb Nordrhein-Westfalens diese Einschätzung vorgenommen hat: Wurde diese Einschätzung von nordrhein-westfälischen Sicherheitsbehörden geteilt? Wenn nein: Wie wurde seitens der nordrheinwestfälischen mit dieser Einschätzung umgegangen?

20.) Wo ist diese neue Einschätzung dokumentiert?

21.) Wurde die Einschätzung schriftlich an andere Behörden oder das GTAZ weitergeleitet? Wann hat sie die nordrhein-westfälischen Sicherheitsbehörden erreicht?

22.) Warum hat das LKA NRW dann noch 5 Tage vor dem Anschlag ein umfassendes Dossier zu Amri fortgeschrieben?.

23) Ist die Erstellung bzw. Fortschreibung entsprechender Dossiers ein normaler Vorgang bei Personen aus dem Bereich der allgemeinen Kriminalität, noch dazu, wenn sie „ins Drogenmilieu abrutschen“?

Der Berliner Innen-Staatssekretär Torsten Akmann erklärte in der Sitzung des Innenausschusses des Berliner Abgeordnetenhauses vom 23.12.2016 u.a., dass am 19.11.2016 „mit dem Bundeskriminalamt auch vereinbart [wurde], dass sich das LKA Nordrhein-Westfalen dringlich um eine Abschiebung des Amri kümmern sollte und sämtliche ausländerrechtlichen Maßnahmen auch initiieren und koordinieren sollte“ (Wortprotokoll des Ausschusses für Inneres, Sicherheit und Ordnung 18/1, S. 9-10). 24.) Wie passt dies mit der Einschätzung von NRW-Innenminister Jäger zusammen, dass Amri „sich weg vom Dschihadismus und Salafismus hin zur allgemeinen Kriminalität“ entwickelt habe und „ins Drogenmilieu abrutsche“? Wieso wurde nunmehr das LKA NRW damit beauftragt, sich „dringlich“ um die Abschiebung Amris zu kümmern? In der Sondersitzung des Innenausschusses am 5. Januar 2017 teilte Landeskriminaldirektor Schürmann mit: „Am 26.09.2016, 14.10.2016 und 26.10.2016 erhielt das LKA NRW von tunesischen und marokkanischen Sicherheitsbehörden Informationen dazu, dass AMRI Anhänger des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS) sei, Kontakt zu in Libyen aufhältigen Tunesiern mit möglichem terroristischen Bezug habe, in Deutschland ein „Projekt ausführen wolle“ und sich in Berlin aufhalte, wo er über entsprechende Kontakte zu „ISSympathisanten“ verfüge.“ 25.) Welche Maßnahmen – außer der Ortung des Handys des Gefährders Amri – haben die NRW-Sicherheitsbehörden nach dem Erhalt dieser Informationen veranlasst? Gab es eine Neueinschätzung mit Blick auf die von Amri ausgehende Gefährdungslage? Innenminister Jäger hat im ARD-Morgenmagazin am 30. Dezember 2016 gesagt: „Ja, wir gehen bundesweit von über 550 sogenannten Gefährdern aus. Jetzt mal unabhängig davon, ob man als Staat jemanden rund um die Uhr überwachen darf: Pro Person braucht man so ungefähr 30 bis 40 Polizeibeamte oder Polizeibeamtinnen für eine Observation. Da können Sie sich hochrechnen, wie viele 10.000 Polizeibeamte wir dafür einsetzen müssen.“ Nach Angaben des BKA halten sich aber nur 264 dieser Gefährder momentan in Deutschland auf, und 90 davon sitzen zurzeit in Haft. Somit verbleiben weniger als 200 potenziell zu überwachende Gefährder – bundesweit. 26.) Bleibt Innenminister Jäger dennoch bei seinen Angaben von den vielen zehntausend Beamten?

C. Ausländer- und asylrechtliche Zuständigkeit für Amri

1.) In der Sondersitzung des Innenausschusses vom 05.01.2017 bestätigte die Landesregierung, dass NRW noch am 19. November 2016 angeregt habe, die ordnungsrechtliche Zuständigkeit für Amri in NRW zu belassen. Welche ordnungsrechtlichen Maßnahmen sind seither gegen Amri genau verfügt worden?

2.) Bei wem lag somit die Federführung für die Abschiebung des Amri: Beim Ausländeramt des Kreises Kleve oder beim LKA? Seit wann war dies der Fall?

3.) In wessen Zuständigkeit wurde die Beschaffung der Passersatzpapiere für Amri initiiert bzw. geführt: In der Zuständigkeit der Ausländerbehörde des Kreises Kleve oder in der des LKA NRW?

4.) Wie beurteilt Innenminister Jäger den Vorwurf des innenpolitischen Sprechers der Grünen-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Benedikt Lux, NRW habe im Fall Amri ein rückwärtsgewandtes „blame game“ mit den Berliner Behörden eröffnet (vgl. Wortprotokoll des Ausschusses für Inneres, Sicherheit und Ordnung 18/1, S. 13)? Innenminister Jäger hat auf seiner Pressekonferenz am 21. Dezember 2016 gesagt: „Der Mann [also Amri] konnte aber nicht abgeschoben werden, weil er keine gültigen Ausweispapiere hatte. Das Passersatzverfahren wurde im August eingeleitet. Zunächst bestritt Tunesien, dass diese Person ihr Staatsbürger sei. Die Papiere wurde lange Zeit nicht ausgestellt. Sie sind heute eingetroffen. Ich will diesen Umstand nicht weiter kommentieren.“

5.) Der Asylantrag von Amri wurde bereits im Juni 2016 abgelehnt: Warum begann das Passersatzverfahren erst im August?

6.) Am 21.12.2016 – also gut einen Monat nachdem vereinbart wurde, dass sich „das LKA Nordrhein-Westfalen dringlich um eine Abschiebung des Amri kümmern und sämtliche ausländerrechtlichen Maßnahmen auch initiieren und koordinieren sollte“ (s.o.) – lagen die Passersatzpapiere des Amri vor. Welche genauen Anstrengungen sind seitens des LKA NRW seit dem 19.11.2016 in Bezug auf die Erlangung von Passersatzpapieren für Amri bei den tunesischen Behörden unternommen worden? Warum sind diese Anstrengungen nicht schon früher unternommen worden (bspw. zumindest nach der zweifelsfreien Bestätigung von Amris Identität durch Interpol am 24.10.2016)?

D. Abschiebehaft

1.) Welche Informationen liegen der Landesregierung über die Festnahme Amris in Friedrichshafen durch die Bundespolizei vor, wegen der er zwischenzeitlich in Abschiebehaft genommen wurde? Handelte es sich dabei um einen „Zufallstreffer“ oder wurde Amri gezielt kontrolliert bzw. aufgegriffen?

2.) Welche nordrhein-westfälischen Behörden waren in die Entscheidung, die Abschiebhaft Amris auszusetzen, eingebunden (MIK, LKA, Kreis Kleve)?

3.) Ist es zutreffend, dass die Aussetzung der Abschiebehaft „auf direkte Anordnung des NRW-Innenministeriums“ geschah (so der Express vom 06.01.2017)?

4.) Findet bei tunesischen Staatsbürgern aufgrund der Probleme mit Passersatzpapieren in Nordrhein-Westfalen generell kein Vollzug der Abschiebehaft statt? Wenn doch: Warum wurde sie bei Amri ausgesetzt?

5.) In wie vielen Fällen wurde im vergangenen Jahr im Fall von Ausreispflichtigen aus den Maghreb-Staaten eine Abschiebehaft in Nordrhein-Westfalen vollzogen?

6.) Das Außenministerium Tunesiens teilte am 26. Dezember 2016 mit, es habe die Abschiebung Amris zwei Tage vor dem Attentat akzeptiert. Am Samstag vor dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt hätten die tunesischen Behörden ihr Einverständnis für die Abschiebung Amris in sein Heimatland gegeben: Warum ist Amri daraufhin nicht unmittelbar in Abschiebehaft genommen worden?

E. Vernetzung Amris in der nordrhein-westfälischen Salafistenszene

1.) Zu welchen Moscheegemeinden in NRW hatte Amri jeweils Kontakte? Wann hat er sich dort jeweils aufgehalten? (Bitte jeweils einzeln auflisten.)

2.) Seit wann hatte Amri Kontakt zu der Salafistenszene in Nordrhein-Westfalen?

3.) Um welche Personen/Netzwerke handelte es sich dabei genau?

4.) Hatte Amri auch Kontakte zu einem der bzw. allen vier Personen, die Anfang Juni 2016 festgenommen wurden, weil sie einen Terroranschlag in Düsseldorf geplant haben sollen? Wenn ja: Bitte Art und Umfang dieser Kontakte ausführlich darstellen.

5.) Welche Erkenntnisse liegen bezüglich möglicher Unterstützer aus NordrheinWestfalen vor, die Amri bei der Durchführung des Anschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt geholfen haben könnten?

F. Fahndungsmaßnahmen in NRW

I. Flucht Amris Nach Informationen des Spiegel, der Bild-Zeitung und der niederländischen Zeitung „De Volkskrant“ führte die Fluchtroute Amris über die Niederlande. Demnach befand sich Amri am 21. Dezember, also 2 Tage nach dem Anschlag, in der Stadt Nimwegen. Dies legen der Fund von Gratis-Simkarten in Amris Rucksack, die dort verteilt wurden, und Videoaufnahmen vom dortigen Bahnhof nahe. Nimwegen liegt nur rund 10 Kilometer vom Kreis Kleve und rund 40 Autominuten von Emmerich entfernt. Am gleichen Tag hat nach Medienberichten eine noch unbekannte Person Emails und Facebook-Nachrichten von Amri in einem Internetcafé in Emmerich gelesen. Wenige Stunden später sei Amris Facebook-Profil demnach gelöscht worden.

1.) Hatte Amri während seiner Flucht Kontakte zu Personen in NordrheinWestfalen? Wenn ja: Welche?

2.) Wie ist die Aussage Herrn Schürmanns in der Sondersitzung des Innenausschusses vom 05. Januar 2017 zu verstehen, man gehe davon aus,dass Amri bei seiner Flucht nach dem Attentat „NRW gegebenenfalls im Transit berührt“ habe?

3.) Welche konkreten Fahndungsmaßnahmen nach Amri wurden in NRW mit welchen Ergebnissen durchgeführt?

II. Razzia in Emmerich Am 21.12.2016 gab Innenminister Jäger um 15:30 Uhr eine Pressekonferenz zu dem Berliner Anschlag und zum Stand der Ermittlungen. Zuvor hatte die DPA bereits um 11:20 Uhr gemeldet: „Nach dem Anschlag in Berlin gehen Sicherheitskreise von ‚unmittelbar bevorstehenden Maßnahmen‘ in NordrheinWestfalen aus.“

1.) Wie beurteilt der Innenminister die Preisgabe von entsprechenden Informationen gegenüber DPA?

2.) Welche Erkenntnisse hat die Landesregierung bisher darüber, wie die Medien am 21.12.2016 von den „unmittelbar bevorstehenden Maßnahmen“ erfahren haben? Interessant ist, dass es in einer späteren DPA-Meldung am gleichen Tag um 12:05 Uhr konkret hieß: „Nach dem Anschlag in Berlin fahndet die Polizei Medienberichten zufolge bundesweit nach einem Verdächtigen. Eine Spur führt die Ermittler nach Nordrhein-Westfalen, dort gingen Sicherheitskreise am Mittwoch von ‚unmittelbar bevorstehenden Maßnahmen‘ der Behörden aus, wie die Deutsche Presse-Agentur erfuhr.“ Ein Autor der Meldung war der DPA-Redakteur in Düsseldorf, Frank Christiansen.

3.) Wer könnte die o.g. Informationen also an die Presse weitergegeben haben (z.B. MIK NRW, LKA NRW)?

4.) Berlins Innensenator Geisel hat in der Innenausschusssitzung des Berliner Abgeordnetenhauses angekündigt, Ermittlungen wegen Geheimnisverrats in seiner Behörde einzuleiten. Im Innenausschuss am 5. Januar 2017 wurde erklärt, dass in NRW bisher noch keine Nachforschungen in diesem Fall angestellt wurden. Wann beabsichtigt der NRW-Innenminister solche Ermittlungen einzuleiten?

5.) Verschiedene Medien berichteten nach der DPA-Meldung am 21.12.2016 von einer „abstrusen Situation“ vor der Flüchtlingsunterkunft in Emmerich. Dort waren zahlreiche Medienvertreter versammelt, in Erwartung einer unmittelbar bevorstehenden Razzia. Der WDR berichtete live vom Ort des Geschehens, während offenbar in der Nähe einsatzbereite Polizeikräfte warteten. Welche Maßnahmen hat das MIK in dieser Situation ergriffen?

III. Haftbefehl gegen 26-jährigen Tunesier aus Amris Umfeld

Wie die Generalstaatsanwaltschaft Berlin in einer Pressemitteilung vom 04.01.2016 bekanntgab, wurde am Vortag ein 26-jähriger Tunesier aus dem Umfeld Amris vorläufig festgenommen, der von April bis November 2015 in Leipzig, Mettmann und Berlin zu Unrecht wissentlich Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz i.H.v. 2.500,- Euro bezogen haben soll. Ihm werde gewerbsmäßiger Leistungsbetrug vorgeworfen. Bereits 2015 sei gegen den Mann ermittelt worden, weil er im Verdacht stand, Sprengstoff für die Begehung eines Anschlags beschafft zu haben. Welche Erkenntnisse liegen der Landesregierung zu dieser Person vor? G. Kommunikation des Ministers Innenminister Jäger hat im Rahmen seiner Pressekonferenz vom 21. Dezember 2016 gesagt: „Nordrhein-Westfalen unterstützt die Ermittlungen des Generalbundesanwaltes zur Aufklärung des Sachverhaltes und natürlich zur Ergreifung des Tatverdächtigen. Dazu gehören auch entsprechende Maßnahmen. Der Erfolg dieser Maßnahmen, meine Damen und Herren, darf nicht gefährdet werden. Deshalb bitte ich um Verständnis dafür, dass wir zu diesen Maßnahmen keine Angaben machen können.“ Und weiter: „Zur Frage der Fahndung und des Ermittlungserfolges zählt auch, dass es Maßnahmen gibt, dass Maßnahmen stattfinden, aber dass über diese Maßnahmen nicht öffentlich berichtet wird.“ Fragen der Journalisten hat Minister Jäger danach noch weitere drei Mal mit dem Hinweis auf laufenden Fahndungs- und Ermittlungsmaßnahmen abgeblockt. Rund die Hälfte aller Fragen hat der Minister deswegen nicht beantwortet.

1.) In der Sondersitzung des Innenausschusses am 5. Januar 2017 erklärte der Innenminister, er habe diese Pressekonferenz angesetzt, weil ihm „mehrere dutzende Presseanfragen“ zu Amri vorlagen. Hätte eine schriftliche Sammelerklärung zu diesen Anfragen nicht völlig ausgereicht?

2.) Was sollte der Mehrwert dieser Pressekonferenz sein, wenn doch die wesentliche Zuständigkeit für den Fall Amri nach den Aussagen des Ministers scheinbar ganz eindeutig bei Behörden außerhalb Nordrhein-Westfalens liegen soll?

3.) Hält der Minister es auch in der Rückschau für angebracht, eine Pressekonferenz zu geben und detaillierte Angaben zum Verdächtigen zu machen, obwohl noch eine nicht-öffentliche Fahndung läuft? Die öffentliche Fahndung wurde ja erst gegen 17:40 Uhr, also zwei Stunden nach Herrn Jägers PK, verkündet und angefahren.

4.) Der Generalbundesanwalt und der Bundesinnenminister haben selbst nach der Sitzung des Bundestags-Innenausschusses kaum etwas zu der Fahndung gesagt. Bundesinnenminister de Maizière sagte lediglich: „Es gibt einen neuen Verdächtigen. Nach dem Verdächtigen wird gefahndet“. Er wies weiter darauf hin, dass der Verdächtige nicht zwingend der Täter sei. Und: „Uns ist wichtig, dass man diesen Verdächtigen findet.“ Deswegen sei es wichtig gewesen, zunächst eine verdeckte Fahndung einzurichten. Medienberichte über Details des Tatverdächtigen wolle er nicht kommentieren – erst, wenn es sichere Erkenntnisse gebe. Warum ist der NRW-Innenminister zu einer so fundamental anderen Einschätzung gekommen als der Generalbundesanwalt und der Bundesinnenminister? In der WDR-Sendung Aktuelle Stunde vom 30. Dezember 2016 hat Innenminister Jäger mit Blick auf Amri und seine Kontaktpersonen enthüllt: „Die Telefone sind abgehört worden, aber es gab keine konkreten Erkenntnisse, dass er tatsächlich einen Anschlag geplant hat“.

5.) Der Generalbundesanwalt erklärt seine Zurückhaltung im Umgang mit Medien damit, dass er auch die Hintermänner des Berlin-Attentats finden will. Hält Innenminister Jäger seine o.g. Ausführungen vom 30.12.2016 vor diesem Hintergrund für zielführend?

Theo Kruse MdL – CDU-Fraktion

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