Veranstaltung in Erinnerung an Ulrich Albrecht, am 30. Januar 2017, im Otto-Suhr-Institut


 ulialbrecht

Veranstaltung in Erinnerung an Ulrich Albrecht

      am 30. Januar 2017 im Otto-Suhr-Institut

 

Liebe Freunde, Kollegen und Studierende  des verstorbenen Professors Ulrich Albrecht!

Uli Albrecht würde sich gewiss gefreut haben, hätte er sehen können, dass weit über 150 Verwandte, Freunde, Kollegen und ehemalige Studierende am 30. Januar 2017 an seinem 76. Geburtstag zusammengekommen waren. Da viele durch diesen Blog ihre Informationen zu Ulli Albrechts Tod erfahren haben, berichten wir Ihnen nun auch von der Erinnerungsveranstaltung am 30. Januar drucken einige der insgesamt sehr persönlichen Beiträge an diesem Abend –  von Claudia von Braunmühl, Helga Wegener, Lothar Brock und Peter Grottian [1] – ab.

Uli Albrecht wurde als Person, als Lehrer und Freund, in seiner Vielfalt des wissenschaftlichen und politischen Engagements als Friedens-, Konflikt-, Transformations- und Umweltforscher ein wenig zu vergegenwärtigt. Claudia von Braunmühl hat aus ihrer langjährigen engen Kooperation und Freundschaft gesprochen, Lothar Brock auch über sein wissenschaftliches Werk, Ute Finckh-Krämer und Wolfgang Biermann über ihre Begegnungen in der Friedensbewegung, Sven Chojnacki als der, der themenverwandt heute am Otto-Suhr-Institut Hochschullehrer ist und Bernd Ladwig als jemand, der viel von ihm gelernt hat und auch an diesem Institut Hochschullehrer ist, Helga Wegener, die mehr als seine langjährige Mitarbeiterin war, sowie Peter Grottian und Bodo Zeuner als Freunde und Kollegen über Jahrzehnte am Otto-Suhr-Institut, die ihm auch danach an seiner Seite standen.

Ich möchte einige Briefe und Gespräche, die mich erreicht haben, nicht vorenthalten. Siegfried Mielke hat mich noch kurz vor der Veranstaltung gebeten, die Zuhörer zu grüßen. Es ist ihm im Wortsinn zu schwergefallen zu erscheinen, obwohl er es wollte. Er hat mir mitgeteilt, dass sich viele von uns zu wenig bemüht haben, ihn von seinen Arbeitsbelastungen wirksam zu entlasten. Er hat auch mit seinem Bruder sich um Ulli Albrecht in Fahrten, insbesondere zu Schlössern in der Umgebung Berlins, bemüht, fand das aber weder für ihn noch für uns ausreichend.

Wolfgang Biermann, der von 1981-1992 für Willy Brandt für Friedenspolitik zuständige Mitarbeiter und dies bis 2015 für Egon Bahr war, hat insbesondere in den achtziger Jahren mit Uli Albrecht friedenspolitische Projekte unternommen, so in einer Veranstaltung zu „Abrüstung durch Aufrüstung?“ oder in einem gemeinsamen Aufruf zu einer Kundgebung gegen neue Atomwaffen in Europa im Herbst 1981. Er schrieb, dass sich Egon Bahr etwa für den Olof-Palme-Friedensmarsch der DDR Friedensbewegung oder für Bärbel Bohley eingesetzt hatte.

Magdalena Scharf, die Enkelin des Berliner Bischofs Kurt Scharf, war seine begeisterte Studentin – in einem gemeinsamen Seminar von Ulli Albrecht und Claudia von Braunmühl – . Er sah bei einem Besuch ihrer WG in ihrer Bibliothek die Schriften seines Großvaters und ließ nicht mehr von diesen Schriften ab.

Elke und Markus  Gryglewski schrieben: „Ulrich und wir waren lange Zeit fast freundschaftlich verbunden und im Hinblick auf meinen Ausbildungsweg habe ich ihm sehr viel zu verdanken. Er war es, der mich während des Studiums zu meinem Auslandsjahr in Santiago beraten hat, er hat meine Diplomarbeit und mündliche Prüfung betreut. Verbunden hat uns auch die Arbeit in der christlichen Kampagne gegen Rüstungsexporte, in der ich vor vielen Jahren Aktion Sühnezeichen Friedensdienste vertreten habe.“

Dr. Anna Botham-Edighoffer schrieb: „Ich werde ihn stets als aufmerksamen und bedachten Lehrer und Doktorvater in Erinnerung behalten.“

Hans-Guenther Brauch: „Das letzte Mal konnte ich ihn am 28. Juni 2014 zusammen mit Lothar Brock in seiner Wohnung besuchen und mit ihm gemeinsam in seinem Restaurant zu Abend essen. Ich werde in Cuernavaca in Mexiko, wo ich seit 2012 seit meiner Entpflichtung vom OSI jeweils den Winter verbringe, seiner gedenken.  Für seinen besonderen und unermüdlichen Einsatz, dass ein Arbeitersohn und Rüstungskritiker, allen internen Widerständen zum Trotz sich am OSI habilitieren konnte, werde ich ihm immer dankbar sein – mit herzlichen Grüßen aus der Stadt des ewigen Frühlings.“

Ulli Albrecht war wie Sie wissen aufgrund seiner Vita auch und gerade vor dem Irakkrieg 2003 besonders aktiv, obwohl schon schwer erkrankt. In einem Appell vom 15. Januar 2003 zusammen mit Eva Quistorp und Abgeordneten der Fraktion von Bündnis 90 die Grünen warnte er in einem Appell an die Bundesregierung vor der geplanten Irak-Aggression und trat für eine zweite UN Resolution ein. Sein Leben war, dies sei noch einmal angemerkt, auch gegen die realen Verhältnisse, dem Frieden in Europa und der Welt, nicht zuletzt im Rahmen der Vereinten Nationen gewidmet. Dieses Motiv war dem Kriegskind in sein Gemüt eingebrannt, wie es Ruth Misselwitz in ihrer Predigt am 29. Dezember in der kleinen Trauerfeier gesagt hatte. Ja er fehlt.

Ihr Hajo Funke

 

Claudia von Braunmühl

Vom Tode Ulrich Albrechts – im Alltag nannten wir ihn freundschaftlich Uli und das will ich auch hier tun – von Ulis Tod also erfuhr ich am Tag darauf durch eine Mail seines Bruders Helmut. Da war ich auf einer Reise zur Jahreswende schon weit weg von Berlin und von vielfältigen Eindrücken absorbiert. Immer wieder aber gingen die Gedanken erinnernd zu Uli in einer merkwürdig frohen Dankbarkeit. Von beidem, der Erinnerung und der Dankbarkeit, will ich jetzt auch reden.

Zum ersten Mal bin ich Uli 1990 in den Räumen des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten der DDR begegnet, wo er als Leiter des ministeriellen Beratungsstabes, ich als Koordinatorin eines entwicklungspolitischen Beratungsteams arbeitete. Er saß in einem kleinen Büro und hatte tiefe Ringe unter den Augen. Wir stellten einander kurz vor. Bei einem der eher seltenen Treffen im Ministerium fragte Uli mich, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm zusammen am OSI ein Projektseminar anzubieten. Von 1991 – 1997 haben wir insgesamt 4 Projektseminare zusammen durchgeführt mit den Schwerpunkten Geschlechterdimensionen von Entwicklungszusammenarbeit und Entwicklungspolitik und zivilgesellschaftliche Organisationen. Uli ermöglichte mir, meinen Broterwerb als Gutachterin problemlos mit der universitären Tätigkeit zu verbinden. Ich durfte sein Büro nutzen – und mich wundern über die Faszination des Friedensforschers an Waffenmodellen. Uli war, wenn ich es recht sehe, treibende Kraft bei meiner Ernennung zur Honorarprofessorin vor über 20 Jahren. Das hatte auch hochschulpolitische Gründe, aber – nicht zuletzt wegen der mir dadurch eröffneten beruflichen Optionen – war die Dankbarkeit die meine. Den Studierenden verhalf Uli ebenso leise und gleichsam en passant mit Gutachten zu Reisestipendien für ihre Projektphasen. V.a. aber gelang es mit ihm immer, eine Atmosphäre gelassenen, fast gemütlichen gemeinsamen Lernens herzustellen. Die Studierenden, das zeigten die abschließenden ausführlichen Evaluierungen, haben das sehr geschätzt. Einmal überreichten sie uns bei dieser Gelegenheit in einer Dokumentenrolle ein Gedicht. Daraus will ich die letzten Zeilen zitieren.

„Denn nicht nur Wissenschaft tut not,

Kommunikation ist das höchste Gebot.

Drum fragen wir uns zum Semesterend‘:

Gibts noch einmal ein social event?

Social sustainability,

gibt’s an der Uni doch fast nie,

und wär‘ da kein Projekt wie dieses,

das wär‘ was ganz schrecklich Mieses.

Und Miesepeter sind wir nicht,

drum reimten wir nun dies Gedicht,

denn trotz allem ihrem Wissen,

werden wir die zwei sehr vermissen.“

Ich vermisse die Zusammenarbeit mit Uli auch. Während der Vorbereitungen zu dem Symposion an seinem 60. Geburtstag, an dem viele teilnahmen, die hier heute anwesend sind, während der Zeit also fassten wir eine weitere gemeinsame Veranstaltung ins Auge. Dazu kam es nicht. Kurz vor 9/11 traf Uli der heftige Schlaganfall. Viele von uns, auch ich, dachten: Schlimm genug, aber ausgerechnet jetzt! Was hätte er nicht alles zu sagen gehabt?!

Unsere Versuche, auch meine, Uli in der Uni zu halten, scheiterten. Seine Spannkraft war zu beschädigt. Die anspruchsvollen Prozesse einer Dissertationsbegleitung oder die Teilnahme an einem Seminar entglitten ihm. Es war für Uli ein schwieriges, schmerzliches Abschiednehmen.

Dann kamen die langen Jahre des Aufenthalts in diakonischen Heimen, erst in der Paulsen-, dann in der Albestr. Anfangs konnten Uli und ich noch Konzerte besuchen und anschließend in einem Restaurant essen gehen bzw. wie er mit Blick auf den Rollstuhl trocken korrigierte, essen fahren. Als das nicht mehr möglich war, gingen, bzw. fuhren wir gemeinsam ins Kino. Wir sahen vorzugsweise Filme mit politischen Themen, über die wir beim anschließenden Essen – abgehackt, aber dennoch – reden konnten. Wenn ich mich dann von Uli im Heim verabschiedete, war die Antwort jedes Mal: „Das war doch wieder sehr lustig.“ Nach einigen Jahren musste auch Kino entfallen, schon, weil Uli das notwendige Anspannen der Muskeln zum Aussteigen aus dem Auto nicht mehr möglich war. Von da an besuchten wir Restaurants in der Umgebung des Heimes. Aber nie an Samstagen. Das war, auch lange Jahre, der Tag, an dem Wolf-Dieter Narr mit Uli Essen ging, resp. fuhr, in einige wenige immer gleiche Restaurants, zu denen Uli die immer gleichen Anekdoten erzählte und, wie „lustig“ es mit Wolf-Dieter wieder gewesen war. (Wolf-Dieter Narr liegt nun, seinerseits krankheitsgeschwächt, in demselben Heim wie in den letzten Jahren Uli).

Im vergangenen Jahr waren dann Ulis Kräfte zu schwach, um das Bett zu verlassen. Erst erzählten wir uns stockend noch ein bißchen, wenige Monate später mochte er den Fernseher nicht mehr ausmachen. Einmal stellte er mir die tragende Figur eines Comic Films vor und schaute ihr weiter zu. Geklagt hat Uli nie.

Das letzte Mal habe ich Uli Ende Oktober besucht. Da hat er gar nicht mehr geredet, mich nur mit hellem, freudigem Blick angeschaut. Ich setzte mich an die rechte Seite des Bettes, die mit seiner gesunden Hand. Er streckte mir die Hand entgegen und wir haben uns gestreichelt, er mit einem Finger, ich mit beiden Händen. Seinen Kopf legte Uli manchmal müde zur Seite, manchmal sah er mich an. Als ich nach ungefähr einer Stunde aus dem Zimmer ging, wusste ich nicht, dass es das letzte Mal gewesen war. Das habe ich eigentlich im ganzen vergangenen Jahr nicht gewusst. Aber immer habe ich gedacht, dass das dann auch seine Ordnung hätte. Und als ich einen Tag nach Ulis Tod von seinem Bruder Helmut die Nachricht erhielt, da habe ich genauso gedacht: Das ist dann jetzt auch gut so. Für die Jahre davor: ganz vielen Dank, lieber Uli!

 

Helga Wegener-Hoy, 30. Januar 2017

Liebe Kollegen und Freunde von Ulrich,

Meine Vorredner haben Ulrich als Wissenschaftler, Friedensforscher  und Hochschullehrer gewürdigt. Ich möchte nun einige  Sätze zu Ulrich in seiner Eigenschaft als Chef sagen. Ich war fast über 30 Jahre seine Sekretärin. Auch nach unserem Ausscheiden aus der FU sind wir in Verbindung geblieben.

Mit meinen Kolleginnen Ingrid Stamm und Vlasta Wallat habe ich überlegt, was Ulrich als Chef ausgezeichnet hat. Wir stimmten überein, dass Ulrich mit seiner Toleranz, seinem Verständnis für die Sorgen seiner engsten Mitarbeiter  erheblich dazu beigetragen hat, dass wir uns alle im Arbeitsumfeld Kiebitzweg immer sehr wohlgefühlt haben. Es herrschte stets eine ausgesprochen angenehme Arbeitsatmosphäre ohne Zwist.

Besonders dankbar sind Ingrid Stamm und ich auch dafür, dass er uns nie Steine in den Weg gelegt hat, wenn wir an Weiterbildungsveranstaltungen teilnehmen wollten. Er hat das sogar gefördert, selbst wenn dadurch beide von uns abwesend waren. Diese Haltung eines Hochschullehrers gegenüber der Gruppe der Sonstigen Mitarbeiter war keinesfalls selbstverständlich.

Ingrid, Du hast über viele Jahre am OSI in ungezählten Gremien gearbeitet und du hast mich gebeten zu betonen, dass Ulrich dich in deiner Gremienarbeit immer voll unterstützt hat. Nie habe er die Mitbestimmung in Frage gestellt. Ich glaube, ich spreche im Namen der gesamten Gruppe der damaligen SoMis, dass Ulrich Albrecht für ihre Anliegen stets ein offenes Ohr hatte. Mit ihm war ein Austausch über verschiedenste Fragen und unterschiedliche Standpunkte auf Augenhöhe möglich.

Ich erinnere mich auch gerne daran, wie selbstverständlich Ulrich immer an unseren Betriebsausflügen teilgenommen hat. In späteren Jahren war er oft der einzige Hochschullehrer,  dem es wichtig war, dabei zu sein. Und ich habe Ulrich vor Augen, wie er, wenn immer möglich, mit uns MitarbeiterInnen gefeiert hat. Gutes Essen und einen guten Tropfen konnte er sehr genießen. Großzügig hat er aber auch immer mit Geldbeträgen zum Gelingen der Feste beigetragen.

Meine Gedanken gehen aber auch zurück an den Ulrich, dessen Leben sich nach seinem 60. Geburtstag durch einen Schlaganfall abrupt geändert hat. Er war nun an den Rollstuhl gebunden. Seine Ehe ging auseinander, er musste die schöne Dachgeschosswohnung aufgeben und damit von fast allen liebgewonnenen Dingen und der bisherigen Lebens- und Arbeitsweise Abschied nehmen.

Wir haben uns oft gewundert, dass er sich nie über seine Situation beklagt hat. Vielleicht war das nicht immer gut.

Für Ulrich war bezeichnend,  dass er sich nie beklagt hat. Vielleicht war das nicht immer gut.

Anfangs hatten wir alle noch die Hoffnung, dass sich sein Gesundheitszustand bessern würde. Kollegen und Doktoranden haben ihn nach Kräften unterstützt. Unter den vielen nenne ich  Wahied Wahdatagh, der Ulrich mit in seine Familie eingeladen hat, und ich nenne Berooz Abdolvand, der unermüdlich mit Ulrich das Treppensteigen trainiert hat. Wie stolz zeigte mir Ulrich nach langem Üben, dass er alleine aus dem Rollstuhl aufstehen und einige Schritte laufen konnte.

Ja, es gab sogar eine Zeit, in der er mit dem Rollstuhl alleine in die Schloßstraße fuhr, um ein paar Delikatessen einzukaufen. Und er hatte Spaß daran, mit dem technisch brillanten Rollstuhl, dem Mercedes unter den Rollstühlen,  den ihm die Familie Zundel geschenkt hatte, von der Paulsenstraße in die Ihnestraße 26, in sein altes Büro zu sausen. Zugegeben, es sah schon etwas gefährlich aus, und so gewann die Vernunft die Oberhand: das elektrische Gefährt landete vorerst in der Garage. So verlor er wieder ein Stück seiner Selbständigkeit.

Wegen der zunehmend aufwendigen Pflege und den damit verbundenen Kosten zog er dann in das Pflegeheim Albestraße um. Dort wurde er nach meiner Beobachtung liebevoll umsorgt. Mit viel Freude sang er im Chor mit.  Ein Highlight im Ablauf der Woche war, dass sein Freund und Kollege Wolf-Dieter Narr ihn regelmäßig am Wochenende mit dem Rollstuhl zu den Lieblingsrestaurants, entweder zum Italiener oder zum Schwaben, schob.

Die Gespräche mit Ulrich wurden schwieriger. Die Besuche im Pflegeheim wurden seltener. Und auf den Besuch seiner Tochter, den er so sehr herbeigesehnt hatte, wartete er vergebens. Irgendwann wollte er dann nicht mehr das Bett verlassen.  Über die Gründe hat er nie mit mir gesprochen. Ich habe ihn noch auf der Intensivstation besucht und war erstaunt, wie jugendlich er noch aussah. Und so werden wir Sonstigen Mitarbeiter ihn dankbar in  Erinnerung behalten.

 

Lothar Brock                                   

Ulrich Albrecht.

Anmerkungen zu seinem Leben und Arbeiten als bewegter und bewegender Friedensforscher

Berlin, 30. 1. 2017 Von Lothar Brock Brock@hsfk.de

I.

Ulrich Albrechts Leben war ein Leben mit dem Krieg im Rücken.

Ein Leben mit dem Krieg im Rücken, das bedeutet zweierlei: zum einen das Gefühl, das Schlimmste hinter sich zu haben, befreit zu sein für einen Blick nach vorn, zum andern die Furcht, auf dem eigenen Weg doch wieder vom Krieg überholt zu werden. Beides hat Ulrich Albrecht geprägt.

Ulrich wollte, wie wir alle wissen, ursprünglich Flugzeugbauer werden. Da er mit Segelflugzeugen anfing, ging es wohl zunächst tatsächlich ums fliegen. Und später? Mir fällt rückblickend auf, dass wir nie von Flugzeugen gesprochen haben, auch nicht wenn wir zusammen in einem saßen und nicht einmal als so ein Flugzeug drohte, auf dem Tempelhofer Feld eine Notlandung machen zu müssen. Als der Ko-Pilot in die Passagierkabine kam und anfing, den roten Sisalteppich aufzurollen, um irgendwie an das verklemmte Fahrwerk zu gelangen, blieb Ulrich vollkommen gelassen. Er witzelte nur, dass man wohl besser eine Mütze aufsetzen sollte, um sich nicht zu erkälten.

Wie weit auch immer er sich im Laufe seines Berufslebens vom Flugwesen entfernte: Ulrich war und blieb stets in Bewegung – leider nicht bis zu seinem Ende. Fünfzehn Jahre lang saß er im Rollstuhl und freute sich darauf, dass jemand kam, um ihn zum nächsten Restaurant zu schieben. Mit schönster Regelmäßigkeit tat das – an jedem möglichen Samstag – Wolf Dieter Narr. Er tat es auch noch als er schon selbst dem Rollstuhl nahe war. Ich habe mir bei meinen Besuchen immer wieder ausgemalt, wie die beiden durch die Albestraße zogen: zwei lädierte Denker in Gedanken an die verlorene Leichtigkeit des Seins, von der nur noch die Spatzen kündeten, von denen es in der Albestraße immer noch erfreulich viele gibt.

II.

Ulrich wollte also Flugzeugbauer werden. Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieses Unterfangens – zumal in seiner militärischen Ausführung – kamen ihm rechtzeitig. Schon im Studium legte er den Grundstein für einen Ausstieg, indem er die Ingenieurwissenschaften mit den Fächern Volkswirtschaft und Politik kombinierte. Das befähigte ihn, vom prospektiven Flugzeugbauer zu einem scharfen Kritiker von Rüstung und Waffenhandel zu werden. Typischerweise geschah das nicht in einer stillen Studierstube, sondern in einer Reihe aufeinander folgender Forschungsverbünde und praktische Arbeitszusammenhänge im Rahmen der VDW, der AFK, der DGFK, der Berhofstiftung, der hohen Politik ebenso wie der Friedensbewegung und nicht zuletzt natürlich im Rahmen seines Lehrstuhls für Friedensforschung an der FU Berlin. Den Auftakt bildete die von Carl Friedrich von Weizsäcker eingerichteten Forschungsstelle der VDW in Hamburg. Sie wurde unter Ulrichs Mitwirkung zur Keimzelle der Kooperation zwischen Natur- und Sozialwissenschaften auf dem Gebiet der Friedensforschung – eine seltene Kombination, die bis heute eine Spezialität der Hamburger Friedensforschung ist.

Im Rahmen seiner Hamburger Tätigkeit begann auch die internationale Vernetzung seiner wissenschaftlichen Arbeit, und zwar bei einem einjährigen Forschungsaufenthalt beim International Institute for Strategic Studies in London. Gleich nach der Rückkehr aus London erhielt Ulrich den Ruf auf eine Professur für Konflikt- und Friedensforschung an der FU-Berlin, eine der ersten dieser Art in der Bundesrepublik. Ulrich war damals 31 Jahre alt – ein junger Überflieger, der das Fluggerät gewechselt hatte.

IV.

Die Einrichtung des Lehrstuhls in Berlin fiel zeitlich mit der Gründung der AFK, der DGFK, der HSFK und der Berghofstiftung zusammen. Es war eine Zeit des Aufbruchs, die enorm vom damaligen Bundespräsidenten, Gustav Heinemann, profitierte. Ulrich engagierte sich mit Haut und Haar in diesen neu entstehenden Arbeitszusammenhängen zusammen mit Kollegen wie Ekkehart Krippendorff, Theodor Ebert, Wolf-Dieter Narr, Elmar Altvater oder – außerhalb Berlins – Dieter Senghaas, um nur einige derjenigen zu nennen, die sich zur kritischen Friedensforschung bekannten. Er wollte sich nicht lange mit der Auspinselung „akademisch blasser Alternativen“ zur herrschenden Sicherheitspolitik aufhalten, wie er im DGFK-Jahrbuch von 1982/83 schrieb (479). Er wollte mit den Mitteln der Wissenschaft direkt in laufende Debatten eingreifen. Das tat er meist ziemlich schnörkellos und stets umfassend informiert. Er führte die Studienform des Anti-Weißbuchs als Gegenstück zu den Weißbüchern der Bundeswehr ein; er veröffentlichte auch ein Weißbuch zur Rüstung der DDR und eine Studie zur sowjetischen Rüstungsindustrie; er erforschte in Kooperation mit Herbert Wulf, Peter Lock und anderen die Beschäftigungseffekte der Rüstungsproduktion, beteiligte sich schon früh an der sich gerade herausbildenden Diskussion über „Frieden und Umwelt“ (u.a. in Kooperation mit Petra Kelly) und entwarf ein Konzept für ein militärisches Disengagement als Schritt zu einem belastungsfähigen Frieden in Europa.

Ganz auf der Höhe der Profession brachte er daneben auch allgemeine Publikationen zur Friedensforschung und zu den internationalen Beziehungen heraus. Er war m.a.W. ein Spezialist für militärpolitische-, rüstungswirtschaftliche und rüstungstechnologische Fragen, der auch als politikwissenschaftlicher Generalist ausgewiesen war; er kannte sich bestens in den deutschen Problemkonstellationen aus, brachte sein Wissen aber kontinuierlich in internationale Arbeitszusammenhänge ein. Dabei wurde seine wissenschaftliche Arbeit auch durch weltweite Freundschaften ergänzt, die ihrerseits seine Arbeit inspirierten.

V.

Ulrich Albrecht hat sich auch in die außer-wissenschaftliche Friedensarbeit der Kirchen eingebracht. Er war als Berater für das Department of Disarmament Affairs bei den Vereinten Nationen in New York tätig und wurde 1990 von Markus Meckel als Leiter des Planungsstabes in das Außenministerium der neuen DDR-Regierung berufen, wo er aus unmittelbarer Nähe die 2+4-Verhandlugnen mitverfolgt hat. Die Erfahrungen, die er dort sammeln konnte, hat er – schon im Rollstuhl sitzend – 2002/3 noch als Berater in dem von Mary Kaldor geleiteten Team zur Ausarbeitung der ersten Europäischen Sicherheitsstrategie nutzen können.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Ulrich Albrecht auch an der Selbstverwaltung der FU-Berlin als mehrjähriger Vizepräsident und als Dekan mitgewirkt hat.

VI.

Was bleibt?

Wie schon erwähnt plädierte Ulrich Albrecht Anfang der 1980er Jahre, unter dem Eindruck der konfrontativen Nachrüstung, für ein militärisches Disengagement Westeuropas als Schritt zur Wiederbelebung und Vertiefung der Entspannungspolitik. Dabei gelte es nicht nur den außen-, sondern auch den innenpolitischen Opportunismus zu überwinden, der die deutsche Sicherheitspolitik bestimme:

„Die großen politischen Parteien der Bundesrepublik versuchen derzeit, die politische Grundströmung im Lande durch (… die Betonung…) deutscher nationaler Interessen einzufangen. Es geht aber um mehr als darum, mit Blick auf mögliche Mehrheiten sich möglichst gescheit zu verhalten. Eigene politische Entwürfe weitreichender Art sind gefragt.“ (DGKF 1982/3, 504.) Das gilt auch für die heutige Situation.

Ein Mitstreiter Ulrich Albrechts war damals Dieter Lutz. Beide forderten, nicht parteipolitische Interessen und Bündnissolidarität sondern sachliche Notwendigkeiten in den Vordergrund zu stellen. Egon Bahr kritisierte in einer Stellungnahme zu den Überlegungen von Albrecht und Mutz, „dass von beiden Autoren die Möglichkeiten nicht gesehen werden, die sich im Rahmen der bestehenden Allianzsysteme für eine Alternative zur herkömmlichen Sicherheitspolitik ergeben können.“ (aaO, S. 570) Diese Kontroverse steht heute wieder an: muss innerhalb der Nato nach neuen Wegen der Sicherheitspolitik gesucht werden oder sollte man Trump folgen und Abstand von der Nato nehmen. Ein verwickelte Sachlage.

VII

Zum Schluss:

Das Leben mit dem Krieg im Rücken (und zuweilen an unserer Seite) war bei aller Bedrängnis und allen Risiken überwiegend ein Leben mit sich weitenden Horizonten, ein Leben unter einer gewissen Aussicht auf etwas, das wir damals Befreiung, Fortschritt, Emanzipation nannten und was wir daran anknüpfend Frieden nennen wollten. Solche Perspektiven verflüchtigen sich seit einiger Zeit: Aus Paul Klees „neuem Engel“, der einen Moment inne hält, um, wie man vielleicht sagen könnte, ein Lob auf das Ende des Krieges zu singen – aus diesem neuen Engel wird wie bei Benjamin der Engel der Geschichte, der die Vergangenheit nicht hinter sich lässt, sondern schreckensstarr als Zukunft sieht. „Wir spüren, dass nichts unumkehrbar ist“, hat Frank Walter Steinmeier zur gegenwärtigen Lage gesagt.

Es kling vielleicht etwas zu pathetisch. Aber wenn wir Ulrichs langen Kampf mit der Politik und mit seiner Krankheit als Botschaft lesen wollten, dann bestünde sie darin, nicht in der Schreckstarre des Engels der Geschichte zu verharren.

[1] eine ausführliche Dokumentation ist für die Onlinezeitschrift des OSI-Club vorgesehen

Peter Grottian, Hochschullehrer für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin.

Wenn Uli Albrecht diese Trauergemeinde sehen würde – dann wäre es im Naturell von Uli zu sagen: Ich weiß gar nicht, warum Ihr alle so traurig seid, ich habe zusammen mit Euch ein spannendes Leben gelebt. Und jetzt ist es halt zu Ende. Ich habe nichts dagegen, wenn ihr jetzt das Glas auf gemeinsame Zeiten und Umtriebe erhebt und für Festmenüs mit gutem Wein war ich, Uli Albrecht, immer zu haben. Aber mit der Trauer, lasst’s gut sein. Tränen, bitte nicht. Und wenn, tupfe ich sie gleich weg, würde Uli Albrecht sagen. Was verbindet uns mit diesem Menschen aus einer Hochschullehrer-Freundschaft? Als erstes fällt mir sein unerschütterlicher Optimismus in fast allen Fragen des Lebens, in seinem Beruf und in seinem politischen Engagement ein. Er hatte die Ruhe weg – was seinen Freund und Kollegen Wolf-Dieter Narr zu der Bemerkung veranlasste: Uli bleibt auch dann ruhig, wenn neben ihm Bömbchen hochgehen.Trotz aller wissenschaftlichen seriösen und nicht optimistelnden Analyse entließ uns Ulrich Albrecht nie ohne uns die Kerze am Ende des Tunnels, großartig brennend, zu vermitteln. Er glaubte an die politische Urteilskraft der sozialen Bewegungen, insbesondere der Friedensbewegung und an die Demokratie von unten. So war er ein Hochschullehrer mit der großen Gabe des Netzwerkens, des oft verschmitzten Anstoßes um Abrüstung, Rüstungskontrolle und internationale Friedensprozesse. Schon damals raunten wir als Kollegen: Es gibt kaum ein Feld, wo der Uli nicht irgendwie geheimnisvoll, oft auch leise seine Finger im Spiel hatte: sei es in der Friedenspolitik, im KSZE-Prozess, in Rüstungsskandalen oder zum Abzug der russischen Armee aus der DDR. Ulrich Albrecht war ein sich einmischender, aufmischender Hochschullehrer, der auf friedenspolitischen Demonstrationen ebenso glaubwürdig auftrat wie in beratender Funktion bei der DDR-Übergangsregierung. Was immer Ulrich Albrecht tat – es war analytisch gut vorbereitet, er inszenierte pfiffig – und voller Überraschungen mit dem fast unschuldigen Uli-Albrecht-Gesicht. Er sah so harmlos aus und hatte es dick hinter den Ohren. Als zweites fällt mir der Hochschullehrer Ulrich Albrecht ein, ein begnadeter Anstifter zum Denken und Handeln. Es gibt wohl nur wenige Hochschullehrer am OSI, die so kontinuierlich volle Seminare über 30 Jahre hatten. In den Seminaren lehrte er nicht nur produktive Politikwissenschaft, sondern intervenierte mit den Studierenden auch in politische Prozesse: mit Aktionen des zivilen Ungehorsams, mit dem Einzug an der Seite von Helmut Gollwitzer in instandbesetzte Häuser oder vor den Raketenbasen in Mutlangen 1983. Sie waren auch die Geburtsstunde für spätere Friedensaktivisten, NGO-Mitarbeiter und Engagierte in internationalen Organisationen und noch heute trifft man in der Friedensbewegung, inzwischen schon etwas ergraute und bemooste Karpfen, auf Freunde, die mit glänzenden Augen über Uli Albrecht berichten. Kaum ein Kollege betreute so viele Diplomanden und Doktoranden – es waren hunderte. Uli Albrecht, eine seiner Schwächen, kannte den Satz nicht: Sorry, ich habe dieses Semester schon 15 Examens-Kandidaten – nein, wer wollte, der konnte bei Ulrich Albrecht Examen machen. Irgendwie machte er es möglich. Er war der große Ermunterer,der studentische Examenskrisen durchlitt, aber auch die Salben und Worte für das Durchhalten spendete. Er war ein väterlicher Freund, der die gleiche Augenhöhe glaubhaft verkörperte, ein Menschenfischer ganz besonderer Art. Aber er war auch am OSI ein großer Friedens- und Anstifter. In den 1970er Jahren, als an diesem Institut die Fetzen flogen und die einzelnen Fraktionen sich kaum die Hände reichten, war Uli Albrecht ein Versöhner, einer der die zerschnittenen Tischtücher wieder zusammennähte – und auch wie Gesine Schwan den politischen Kontrahenten gut behandelte – charmant aber auch zuweilen mit freundlicher Listigkeit. Helga Wegner als sekretärische Begleiterin war fasziniert und musste oft den Kopf schütteln über das nicht enden wollende KreativPaket Uli Albrecht. Und doch muss ich zum Abschied auf etwas kommen, das nicht unerwähnt bleiben darf. So kommunikativ, so menschenfreundlich, ja fast liebevoll Uli Albrecht war, so blieb er im letzten Jahrzehnt auch ein sehr einsamer Mensch. Keine Partnerin, keine Familie, eine Tochter in weiter Ferne, aber liebevolle Brüder und Freundinnen und Freunde. Für meine Kolleginnen und Kollegen war Uli Albrecht ein kluger, herzlicher und Optimismus verbreitender Kollege und Freund. Danke, Uli Albrecht!

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