Brief eines Afghanen an Frau Merkel


 

Jawed Dostan

Hamburg

 

 

Hamburg, 23.4.2017

 

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Merkel,

 

hiermit möchte mich als ein Flüchtling aus Afghanistan bei Ihnen für Ihre menschliche Politik im Sommer 2015 bedanken.

Frau Merkel, Sie haben im Sommer 2015 viele Menschen, die in einer Notsituation waren, gerettet und haben der ganzen Welt ein Bild von Menschlichkeit gezeigt.

Alle, die in 2015 nach Deutschland gekommen sind und hier ein Zuhause gefunden haben, werden Sie und die Hilfe von vielen netten Leute, die ihnen geholfen haben nie vergessen, und  auch die Geschichtsschreibung wird dieses Bild bewahren.

Ich bin vor ein paar Jahren von Afghanistan geflüchtet, weil ich frei leben möchte.

Ich habe viele schlimme Sachen von den deutschen Behörden erlebt, aber mit Hilfe von vielen Freunden, die ich in Deutschland im Laufe der Zeit gefunden habe, habe ich geschafft zu Schule zu gehen und mich zu integrieren.

Ich habe großen Respekt für das Deutsche Grundgesetz und die deutsche Kultur.

Ich mag Sie sehr, auch wenn ich kein CDU-Anhänger bin.

Ich mag Sie, weil Sie manchmal Ihre politische Arbeit als  menschliche Aufgabe richtig machen.

Ich schreibe Ihnen aber jetzt, weil ich enttäuscht und entsetzt bin, was nach dem Sommer 2015 in der Flüchtlingspolitik geschehen ist:

Frau Bundeskanzlerin,

Kurz nach dem Sie die Grenze für die Flüchtlinge geöffnet haben, hat der deutsche Innenminister angekündigt, dass  afghanische Flüchtlinge keine gute Bleibeperspektive in Deutschland haben, weil es angeblich  in Afghanistan sichere Orte gibt.

Seitdem leben die Flüchtlinge, die vor Krieg und Elend geflohen waren, auch in Deutschland mit Angst und Schrecken.

Als kurz danach der afghanische Präsident nach Deutschland kam und ein paar unwahre Aussagen gemacht hat, hat die Situation sich noch verschlechtert.

Ich bin selbst ein Flüchtlingshelfer am  Hamburger  Hauptbahnhof gewesen, und ich habe Tag und Nacht mit den anderen Helfern und Helferinnen den Flüchtlingen geholfen, egal, aus welchem Land sie kamen.

Aber langsam habe ich gemerkt, dass die afghanischen Flüchtlinge ab dem Herbst /Winter 2015 systematisch vom deutschen Innenministerium diskriminiert wurden:

– Sie durften keine staatlich geförderten Deutschkurse besuchen.

-Sie bleiben viel länger als andere Flüchtlingsgruppen in Massenunterkünften.

Afghanische Geflüchtete haben ebenso Schlimmes an Krieg, Gewalt, Verfolgung j d Bedrohung erlebt wie die vier Länder, denen eine gute  Bleibeperspektive zugeschrieben wird:

Syrien, Irak Eritrea und Iran. Wir fühlen uns aber als Flüchtlinge „5.Klasse“.

Können Sie sich das vorstellen?

Viele  afghanische Flüchtlinge haben nie einen glücklichen Tag in Deutschland erlebt.

 

Ich habe immer als  wichtigsten Satz des  deutschen Grundgesetzes im Kopf „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Und ich habe auch  den Artikel 16 durchgelesen und meine Deutsch- und Geschichtslehrer in der Schule gefragt, was die oben genannte Artikeln bedeuten.

Frau Kanzlerin, Ihre Regierung und die EU haben im Oktober 2016 einen schmutzigen Deal mit einer der korruptesten Regierung der Welt – nämlich der Regierung von Afghanistan – geschlossen. Mit diesem Abkommen, das die Weitere Zahlung von Entwicklungshilfe von der Rücknahme von zigtausend Flüchtlingen abhängig macht, wird das Recht der afghanischen Flüchtlinge mit Füßen getreten!

Und in der Zurückweisung eines großen Teils der Asylanträge geht es weiter, bis hin zu Widerrufsverfahren.

Uns afghanischen Flüchtlingen soll nicht geglaubt werden?

Ich möchte Sie, Frau Bundeskanzlerin, fragen und wäre Ihnen dankbar für eine ehrliche Antwort :

Glauben Sie, dass die afghanische Regierung, die selbst für Fluchtursachen in Afghanistan verantwortlich ist, garantieren kann, dass die abgeschobenen Flüchtlinge nicht ermordet und entführt werden? Können Sie diese Rückführungspolitik verantworten?

Glauben Sie, dass  die afghanische Regierung garantieren oder versprechen kann, dass sie in Afghanistan für menschenwürdige Lebensbedingungen sorgen wird?

Frau Merkel, viele Flüchtlinge sind wegen der Unterdrückung durch die Politik der afghanischen Regierung geflohen.

Und es gilt gleichzeitig, dass

Afghanistan hat im letzten Jahr bereits mehr Geflüchtete aufgenommen hat  als die gesamte europäische Union. Die Möglichkeiten des Landes zur menschenwürdigen Aufnahme weiterer Geflüchteter sind erschöpft.

Der europäische Gerichtshof verbietet Abschiebungen nach Ungarn, weil die Menschen dort nicht menschenwürdig untergebracht werden können. Die Unterbringung in Afghanistan ist deutlich schlechter!

Die Reisewarnung des Auswärtigen Amtes besagt: „Vor Reisen nach Afghanistan wird dringend gewarnt. Wer dennoch reist, muss sich der Gefährdung durch terroristisch oder kriminell motivierte Gewaltakte bewusst sein.“

Im neuen UNHCR-Bericht zu Afghanistan wird berichtet, dass es keine Gebiete in Afghanistan gibt, die als sicher einzustufen sind.

Die Anzahl der zivilen Opfer von bewaffneten Konflikten steigt seit Jahren an. Die Sicherheitslage wird somit immer schlechter und nicht leichter.

Die vielen Anschläge im Land treffen auch die Abgeschobenen.

Lesen und hören Sie auch Berichte über die Situation der Abgeschobenen?

 

Frau Bundeskanzlerin,

Ich habe Immer an das C im Namen Ihrer Partei CDU gedacht.

Ich habe großen Respekt für dieses „C“ „und was damit an Werten verbunden ist.

Und jetzt frage ich Sie:

Was bedeutet Ihnen das C im  Namen der Partei, in der Sie politisch arbeiten?

Die deutsche Regierung hat bis jetzt vier Mal  afghanische Flüchtlinge trotz aller Warnungen von verschiedenen Menschenrechtsorganisationen in den Tod geschickt.

Morgen, am 24.April soll der 5. Charter starten.

Ich habe gestern in den Medien gelesen dass Sie wegen des Terroranschlags auf die Militärbasis in der afghanischen Nordprovinz Balch – die immer von Ihrer Regierung als eine sichere Provinz genannt wurde – einen Brief   an  den afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani geschrieben haben. Darin haben Sie gesagt, dass Sie die afghanische Regierung weiter unterstützen, und Sie haben den Anschlag kritisiert.

Sie wissen sicher, dass heute in unserem Heimatland Afghanistan ein nationaler Trauertag ist?

Es sind mehr als 160 Soldaten getötet worden und mehr als 200 verletzt.

Was denken Sie, wenn so ein Unglück in einem europäischen Land passiert?

Schicken Sie trotzdem kurz danach eine Charterflugmaschine zwangsweise in so ein Land??

Warum achten Sie nicht die Würde der afghanischen Flüchtlinge?

Warum beachten Sie nicht  die Grundrechte, die im deutschen Grundgesetz und in der Grundrechte-Charta der EU stehen? Sie gelten doch auch und die auch für die afghanische Geflüchteten?

Sind wir denn keine Menschen?

Haben wir denn keine  Würde ?

Oder nutzt die CDU  uns für ihren Wahlkampf?

Sind wir Afghanen dafür verantwortlich, dass die rechtspolitische Parteien in Deutschland an die Macht gekommen sind?

Frau Merkel, wir sind auch Menschen, und wir sind auch von Terror und Gewalt geflohen.

Wir haben viele  Gründe für ein Bleiberecht in Deutschland – wenn das  BAMF nur unsere die Gründe wahrnehmen und uns bei der Anhörung ausreden lassen würde!

Ich bitte Sie:

Denken Sie nach und informieren Sie sich genauer über  die Situation in Afghanistan.

Stoppten Sie Die Abschiebepolitik gegen die afghanischen Flüchtlinge!

 

(gez. Jawed Dostan)

 

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