Correctiv| Guten Morgen, trotz AfD-Flüchtlingshetze


Um Dir das Gefühl zu vermitteln, das gestern eine Parlamentsanfrage der AfD in mir auslöste, möchte ich Dich bitten, Dir folgende Szene vorzustellen: Ein verregneter Tag im Ruhrgebiet. Eine zufällige Begegnung auf dem Bürgersteig. Kurzer Smalltalk. Dein Bekannter zeigt unvermittelt auf einen altersschwachen Wagen an der gegenüberliegenden Straßenseite und sagt: Schau mal da das … Und dann hebt er an beiden Händen die leicht eingekrampften Zeige- und Mittelfinger und rahmt das nachfolgende Wort in Gänsefüsschen: „Auto“.

Was will Dir solch ein Mensch sagen? Vielleicht: Diese rostzerfressene Schrottlaube verschandelt unser Straßenbild und hat die Bezeichnung Auto nicht verdient. Anstatt aber auszusprechen, was er denkt, ist er ironisch. Sarkastisch. Und intellektuell viel zu erhaben, um sich angreifbar zu machen. Anstatt zu seiner Auto-verachtenden Gesinnung zu stehen, versteckt er sie hinter zwei pfiffigen Satzzeichen.

Ich zitiere aus der kleinen Anfrage des AfD-Landtagsabgeordneten Herbert Strotebeck: Laut Ausländerbehörden in Baden-Württemberg machen sogenannte Flüchtlinge seit 2014 mehrfach Urlaub in ihren Heimatländern. Nach der Rückkehr aus ihrem Urlaub in der Heimat behielten die „Geflüchteten“ ihren Schutzstatus als Asylbewerber. Reiseländer der „Flüchtlinge“ sind unter anderem der Irak und Syrien. (…) Die Ausländerbehörden Baden-Württembergs haben bislang 100 „Schutzsuchende“ registriert, welche im Heimaturlaub waren. (…) Liegen der Landesregierung und/oder den Ausländerbehörden in NRW Erkenntnisse vor, dass auch „Flüchtlinge“ aus NRW seit 2014 Urlaub in ihrer Heimat machen?

Abgesehen davon, dass die Landesregierung in ihrer Antwort recht deutlich macht, dass Flüchtlinge, wenn sie in ihre Heimatländer reisen, keinen Urlaub machen, sondern Gründe meist Krankheits- oder Todesfälle in der Familie sind. Dass niemand, der sich das Leid auf der Route durch die Sahara übers Mittelmeer vor Augen führt, glauben kann, dass Menschen ihr Leben und seelisches Wohl riskieren, um aus einem Urlaubsort zu fliehen. Und es eine grenzenlose Anmaßung ist, diesen Mensch ihre Tortur und ihr Bedürfnis nach Zuflucht durch arrogante Anführungen abzusprechen, bleibt für mich die Frage: Ist das eine Sprache, mit der man Politik betreiben kann? Und will? Wie soll ernsthaft diskutiert werden, wenn man nicht ernst meint, was man sagt? Sich von jeglichem Dialog bereits im Vorfeld distanziert.

Ich mag Ironie, aber keine Menschen, die meinen, sie mit Anführungen aufrüsten zu müssen – erst recht nicht in den Parlamenten.

Wie auch immer. Es soll trotz Regen ein guter Tag werden. Ich hoffe, Du kommst gut rein.

Besten Gruß

Bastian Schlange – Correctiv

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