NSU-Verfahren|Die Plädoyers von Yvonne Boulgarides und Yavuz Narin im NSU-Mordfall des Theo Boulgarides ( München)


Wir drucken die Plädoyers der Nebenklägerin Yvonne Boulgarides und ihrer Töchter Mandy und Michalina sowie ihres Anwalts, Yavuz Narin, die sie am 8. Februar 2018 im Münchner Prozess gegen den NSU gehalten haben, hier in vollem Wortlaut ab.

Sie sind nach einer langen Reihe beeindruckender Plädoyers der Nebenkläger*innen emotionaler Höhepunkt und Abschluss. Sie sind ein politisch-moralisches Plädoyer dafür, dass trotz der Blockaden, die ganze Wahrheit dieser Mordserie und ihrer Täter und Mittäter, ans Tageslicht kommt.

Ohne diese Wahrheit ist der Verfassungskern unserer rechtsstaatlichen Demokratie gefährdet, „das Leben und die Würde der Rechtsunterworfenen zu achten und zu schützen.“

 

Ich bin Yvonne Boulgarides.

Theo Boulgarides, mein Ehemann und Vater meiner Töchter, Mandy und Michalina wurde am 15.06.2005 auf brutale Art und Weise hingerichtet.

Vor einigen Jahren hielt ich in München eine Rede, die ich mit einem Zitat von Albert Einstein beendete:

Man soll nie aufhören zu fragen“

All die Opfer haben nicht aufgehört zu fragen, jedoch ist uns die angeblich „lückenlose Aufklärung“ so viele Antworten schuldig geblieben.

Bis heute möchte ich wissen, warum das Ansehen meiner Familie in der Öffentlichkeit derart demontiert wurde.

Hat man uns in die Täterrolle gedrängt, um unsere unangenehmen Fragen zum Verstummen zu bringen? Oder befanden sich die Behörden tatsächlich auf einem, für mich nicht nachvollziehbarem, Irrweg?

Wie kam es, dass so viele an den Ermittlungen beteiligte Zeugen bei ihren Vernehmungen von einem epidemieartigen Gedächtnisverlust befallen wurden?

Wieso erhielten V-Männer und Mitarbeiter der Sicherheitsbehörden nicht proaktiv eine umfassende Aussagegenehmigung?

Wieso wurden und werden diese Leute, die ganz offensichtlich bei der Ausübung Ihrer Pflicht kläglich versagt haben, geschützt?

Warum wurde dieser Schutz nicht den Opfern und ihren Familien zuteil?

Wie viele Opfer wären uns erspart geblieben, wenn die beauftragten Staatsorgane ihre Arbeit ehrenhaft und pflichtbewusst erledigt hätten?

Warum wurden trotz laufender Ermittlungen immer wieder Tausende von Aktenseiten geschreddert?

Warum wurden zahlreiche V-Personen und mutmaßliche NSU-Unterstützer bis heute nicht angemessen vernommen?

Wo sind all die, die durch ihr fahrlässiges oder vorsätzliches Handeln diese Verbrechen ermöglicht haben?

Warum haben sie keine Konsequenzen zu befürchten? Warum werden sie sogar [wie Lothar Lingen der vorsätzlich Akten vernichtet hat], aktiv vor Strafverfolgung geschützt?

Es wäre die Aufgabe der entsprechenden Staatsorgane gewesen, der Wahrheitsfindung zu dienen. Leider muss ich an dieser Stelle von einem kompletten Organversagen sprechen.

All die zum Teil absurden Auf- und Erklärungsversuche haben uns mit noch mehr Fragen, Misstrauen und Ungewissheit zurückgelassen.

Ich werde oft gefragt, wie ich diesem Prozess gegenüberstehe. Er ähnelt für mich einem oberflächlichen Hausputz. Um der Gründlichkeit genüge zu tun, hätte man die „Teppiche“ aufheben müssen, unter welche bereits so vieles gekehrt wurde.

Dieses Gericht hat sicherlich versucht, im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten, zur Aufklärung beizutragen.

Das auch nach Prozessende unter diesen Teppichen noch Schmutz liegen wird, ist den Traditionslinien einer paranoiden, menschenverachtenden Ideologie geschuldet. Einer Ideologie, die in diesem Land lediglich Tod und Leid hervorgebracht hat.

Die Chance auf einen Bruch mit diesen Traditionslinien haben die Verantwortlichen durch die Verhinderung einer umfassenden Aufklärung verpasst.

Es ist mir an dieser Stelle ein Anliegen auf einen außergewöhnlichen Menschen zu sprechen zu kommen. Er ist uns in den letzten Jahren nicht nur ein guter Freund, sondern auch Teil unserer Familie geworden.

Auf eine für uns, bemerkenswert selbstlose Weise hat er nicht aufgehört Recherchen voranzutreiben und uns als seiner Familie und Mandanten viele Fragen zu beantworten und uns mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Ich weiß, dass seine unermüdliche investigative Arbeit maßgeblich zur Aufklärung vieler Ungereimtheiten beigetragen hat.

Als ich im Frühjahr 2011 unseren Anwalt, Hrn. Narin, das erste Mal traf, berichtete er mir schon damals von einem offensichtlichem Zusammenhang der damals so genannten „Döner-Morde“ und dem Kölner Nagelbomben-Attentat.

Mir erschloss sich damals noch nicht, warum diverse Sonderkommissionen, mit all ihren Möglichkeiten nicht in der Lage waren, ebenfalls diese Verbindungen herzustellen.

Auch all seine weiteren Ermittlungsergebnisse bezüglich der Taten waren derart schlüssig für mich, dass ich ihm das Mandat erteilte.

Es wundert mich heute nicht mehr, dass ich unmittelbar nach der Verpflichtung von Herrn Narin Besuch von einem Ermittler der „Soko Theo“ bekam. Dieser beschrieb mir Herrn Narin als äußerst dubiosen Menschen und riet mir, die Mandatserteilung zu revidieren. Sein Besuch hat genau das Gegenteil bei mir bewirkt.

Die zahlreichen Rechercheergebnisse unseres Anwalts haben sich im Laufe der Zeit alle bewahrheitet und nicht nur bei uns zur Aufklärung beigetragen.

Während der Jahre wurden gegen Yavuz Narin einige Ermittlungsverfahren eingeleitet, unter anderem wegen Geheimnisverrats.

Dazu möchte ich folgendes sagen: Geheimnisse die dazu dienen, Verbrechen und desaströses Fehlverhalten zu vertuschen sind nicht schützenswert!!!

An dieser Stelle möchten wir Angelika Lex gedenken, die nach schwerer Krankheit verstorben ist und leider nur einen Teil der Strecke mit uns zurücklegen konnte. Auch Dir, Angelika, und deiner Familie gilt unser Dank für das Engagement.

Abschließend möchte ich noch auf einen der Angeklagten zu sprechen kommen. Uns ist bewusst dass die folgenden Ausführungen bei einigen auf Unverständnis stoßen werden. Dennoch haben wir uns dazu entschieden diesen Weg zu gehen.

Über die vermittelnden Rechtsanwälte kam ein persönliches Gespräch mit Hrn. Carsten Schulze zustande. Dieses Zusammenkommen war einer der schwierigsten aber auch einer der emotionalsten Momente in unserem Leben.

Hrn. Schulze haben wir in diesem Gespräch als einen Menschen erlebt, der sein Mitwirken zu tiefst bereute und dem das eigene Gewissen bereits den größten Teil seiner Strafe auferlegt hat.

Jemanden, der über ein Unrechtsbewusstsein verfügt und der zur Reue fähig ist. Eigenschaften, die wir bei den anderen Angeklagten in all der Zeit bei besten Willen nicht ausmachen konnten.

Wir wünschen uns, dass ihm sein Strafmaß die Möglichkeit gibt, sein Leben in positivere Bahnen zu lenken.

Ich weiß, dass mein Mann gern gesehen hätte, wie seine kleinen Töchter zu Frauen herangewachsen sind. Wie gern er seine Mädchen zum Traualtar geführt hätte oder wie stolz er gewesen wäre, als seine Enkeltochter geboren wurde.

Ich weiß auch, wie viele der hier beteiligten Nebenkläger geliebte Menschen verloren haben, oder anderes Leid erfahren mussten.

Aber ich weiß auch, dass wir die Zeit nicht zurückdrehen können.

Eines aber können wir tun:

Nicht aufhören zu fragen.

Wir alle sollten auch nach diesem Prozess nicht aufhören, nach Antworten zu suchen. Vielleicht werden wir nie alles erfahren, aber wir werden die unzähligen Puzzleteile sammeln und zusammenfügen, bis das Bild der Wahrheit vor unseren Augen zu erkennen ist.

Dann müssen auch alle anderen hinsehen.

Rechtsanwalt: Yavus Narin:

Hoher Senat, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Yvonne,
liebe Mandy, liebe Michalina,
Meine Kolleginnen und Kollegen haben in ihren Schlussvorträgen
bereits vieles ausgeführt. Was immer ich jetzt noch sage, es wäre
doch unvollständig – genau wie dieser Prozess. Deshalb werde ich
mich kurzfassen.
Denn meine Worte könnten nicht annähernd das Leid, die
Verdächtigungen und die Demütigungen beschreiben, denen meine
Mandantinnen über all die Jahre ausgesetzt waren.
Sie könnten auch nicht angemessen schildern, was die Verleumdung
ihres Vaters und Ehemanns als vermeintliches Mitglied der
organisierten Kriminalität, als vermeintlicher Drogenhändler oder
Menschenschmuggler angerichtet haben oder wie sich die
stundenlangen Vernehmungen, die frei erfundenen Vorhalte der
Polizei und das Gerede der Arbeitskollegen, Klassenkameraden und
Nachbarn anfühlten.
Liebe Yvonne, liebe Mandy, liebe Michalina. Die Welt hatte sich von
einem Tag auf den anderen von Euch abgewandt. Und trotz dieser
plötzlichen Einsamkeit habt Ihr über all die Jahre immer zu Theo
gestanden, habt an ihn geglaubt und habt darauf vertraut, dass
eines Tages die Wahrheit ans Licht kommen würde. Ihr habt in jeder
Sekunde mehr Rückgrat, Stolz und vor allem mehr Größe bewiesen
als alle Angeklagten und alle von plötzlicher Generalamnesie
befallenen Zeugen zusammen.
Rückgrat und Größe – das sind die Eigenschaften, die wir während
dieses Verfahrens vermisst haben. Sie sind jedoch die Voraussetzung
dafür, eigene Fehler einzugestehen, ernsthaft zu bereuen und um
Verzeihung zu bitten. Gesehen haben wir hingegen Zeugen, die sich
vor ihrer Verantwortung weg ducken. Menschen ohne Rückgrat,
Feiglinge und Schreibtischtäter. Rädchen im Getriebe einer
beispiellosen Mordserie, die ihrerseits auf kleingeistigem und ewig
gestrigem Gedankengut von selbsternannten Opfern beruht, die
sich ernsthaft einbilden, für den Erhalt der „deutschen Nation“
relevant zu sein.
Heute ist Theo Boulgarides Name rehabilitiert.
Heute kann Euer Vater in Frieden ruhen, weil seine Töchter zu
wunderbaren Menschen geworden sind.

Er kann stolz darauf sein, dass Ihr sogar den Mut, die Kraft und
die Größe hattet, Carsten Schultze zu vergeben.
Wir haben nicht nur in diesem Gerichtssaal versucht, Antworten auf
eure legitimen Fragen zu finden.
Allzu viele Fragen sind offengeblieben. Viele sogenannte
„Erklärungen“ sind bis heute nicht plausibel, unzähligen Hinweisen
wurde nicht ausreichend nachgegangen. Wir, und ich denke, hier
spreche ich im Namen vieler meiner Kolleginnen und Kollegen,
haben getan, was wir konnten und doch waren wir in unserer
anwaltlichen Funktion nicht in der Lage, mehr zu bewirken, weil wir
keine Strafverfolgungsbehörde sind.
Wir konnten von den verantwortlichen Behörden nur einfordern,
endlich ihre Arbeit zu tun.
Wir wären glücklich gewesen, wenn das gemäß dem
Legalitätsprinzip passiert wäre. Wir wären erleichtert gewesen, wenn
wir auf viele unserer Fragen und Beweisanträge hätten verzichten
können.
Heute können wir nur festhalten, dass längst nicht alles aufgeklärt
wurde.

Als die Öffentlichkeit im November 2011 von der Existenz des NSU
erfuhr, sagte Yvonne Boulgarides, die ich damals seit einem halben
Jahr vertrat und der ich von meiner Hypothese einer mordenden und
bombenlegenden Combat-18-Zelle erzählt hatte:
„Jetzt wird der Verfassungsschutz Akten vernichten.“
Ich antwortete: „Vielleicht. Aber wenn man ein Loch in eine CD bohrt,
kann man immer noch die Musik hören.“
Und so ist es:
Heute haben wir die Gewissheit, dass man in der Lage gewesen
wäre, die Taten des NSU zu verhindern.
Wir haben die Gewissheit, dass wir und dieses Gericht bis zum
heutigen Tag von den Verfassungsschutzbehörden belogen werden.

Wir haben die Gewissheit, dass zahlreiche V-Personen und
Verfassungsschutzmitarbeiter bis heute vor Strafverfolgung
geschützt werden.
Wir haben also die Gewissheit, dass die lückenhafte Aufklärung der
Mentalität von Amtsträgern geschuldet ist, denen nicht klar ist, was
unseren Staat, unsere Rechts- und Gesellschaftsordnung ausmacht.
Wir haben die Gewissheit, dass Menschen unsere Verfassung
schützen wollen, die den Verfassungskern nicht verstanden haben.
Sinnbildlich hierfür ist die Äußerung eines hessischen
Verfassungsschutzbeamten, der polizeiliche
Aufklärungsbemühungen zum Verfassungsschutzmitarbeiter
Andreas Temme, der sich „zufällig“ am Tatort des Mordes an Halit
Yozgat befunden haben will, blockierte und dies folgendermaßen
rechtfertigte: „… wir haben es hier doch nur mit einem Tötungsdelikt
zu tun …“ (…) „… Stellen Sie sich vor, was ein Vertrauensentzug für
den Menschen (gemeint ist Andreas Temme) bedeutet …“
Ich frage Sie als Jurist:
Welches Geheimhaltungsinteresse verdient Vorrang vor dem Schutz
des Lebens und der Würde der Rechtsunterworfenen?

Worüber wir außerdem Gewissheit haben ist, dass der NSU weitaus
mehr Unterstützer in der Nazi-Szene hatte, als die
Bundesanwaltschaft uns weismachen will. Wie meine Kollegin Seda
Basay bereits darlegte, stützen die bisherigen Erkenntnisse NICHT,
dass es keine Unterstützer an den Tatorten gab, sondern genau das
Gegenteil.
Schon ein simples Rechenbeispiel könnte die Trio-These der
Bundesanwaltschaft widerlegen:
Der Zeuge Gründig von der Berliner Polizei hat in der HV ausgesagt,
dass er an der Berliner Synagoge im Mai 2000, also wenige Monate
vor dem ersten Mord, neben Beate Zschäpe drei weitere Personen
beobachtet hatte, von denen er eine als Uwe Mundlos identifizierte.
Bei der anderen männlichen Person handelte es sich
höchstwahrscheinlich um Jan Werner.

Denn zur selben Zeit liefen gegen den Beschuldigten Jan Werner
eine G10-Maßnahme sowie eine Observation des sächsischen
Verfassungsschutzes. Im G10-Antrag vom 28. April 2000, also nur
eine Woche vor der Synagogenausspähung hatte die Behörde davor
gewarnt, dass von dem untergetauchten Trio schwerste Straftaten
zu erwarten seien. Ich zitiere aus dem Antrag auf Anordnung der G10-Maßnahmen:

„Die Unterstützungshandlungen der betrofenen 1-4 (gemeint sind
Andreas Graupner, und die anderweitig Verfolgten Thomas Starke,
Mandy Struck und Jan Werner) sind ein wesentlicher Anhaltspunkt dafür,
dass sie den Zweck der Gruppe mit tragen. – Das Vorgehen der Gruppe
ähnelt der Strategie terroristischer Gruppen, die durch Arbeitsteilung
einen gemeinsamen Zweck verfolgen.“
Außerdem ging das LfV Sachsen davon aus, dass das Trio sich in
Chemnitz aufhalte.
Aus dem Vermerk des sächsischen Lfv vom 17. Mai 2000 zur
erfolgten G-10-Maßnahme geht hervor, dass Jan Werner am Tag der
Ausspähung im Mai 2000 in Berlin war. Jan Werner war der Mann,
mit dem der V-Mann Carsten Szcepanski alias Piatto bereits 1998
darüber kommuniziert hatte, dass sich das NSU-Trio bewaffnen
wolle, um WEITERE Banküberfälle zu begehen. Ein V-Mann-Führer

von Piatto war der Zeuge Gordian Meyer-Plath, heute Präsident des
LfV Sachsen.
Auf einem Observationsfoto aus Berlin, einige Wochen nach der
Synagogen-Ausspähung ist Jan Werner, über den ein BKA-Beamter
hier aussagte, er gehe davon aus, dass Jan Werner als V-Mann tätig
gewesen sei, mit zwei weiblichen Personen zu sehen. Eine davon,
Annett Wendefeuer, war, wie wir heute wissen, die Mutter der
Kinder des Blood&Honor-Chefs Deutschland, der,
wie wir heute ebenfalls wissen, V-Mann des Bundesamts für
Verfassungsschutz war. Ein weiterer enger Kamerad von Frau
Wendefeuer war Mirko Hesse, Gründer der sächsischen
Hammerskins und ebenfalls V-Mann des Bundesamts für
Verfassungsschutz.
Ermittlungen durch die Bundesanwaltschaft gab es zu dem Berliner
Sachverhalt bis Oktober 2016 – nicht.
Als das Gericht infolge meines Beweisantrags zur
Synagogenausspähung weitere Ermittlungen zu dem Sachverhalt
anordnete, antwortete Gordian Meyer Plath, ehemaliger V-MannFührer
von Piatto, heute in seiner Funktion als Präsident des LfV
Sachsen, mit Schreiben vom 16. Dezember 2016 persönlich, leider

seien die G10 Protokolle wie alle „nicht mehr benötigten
personenbezogenen Daten“ vernichtet. Warum einzelne SMSNachrichten
von Jan W. aus den betreffenden Tagen erhalten sind,
wird nicht näher erläutert.
Im selben Monat erfuhr man aus dem Untersuchungsausschuss des
Deutschen Bundestags allerdings auch, dass die
Bundesanwaltschaft selbst Beweismittel zum Beschuldigten Jan
Werner – trotz des Vernichtungsmoratoriums des
Bundesinnenministeriums – vernichtet hatte. Die Erklärung lautete,
die Bundesanwaltschaft, die das Ermittlungsverfahren gegen Jan
Werner führt, habe Jan Werner nicht in Verbindung mit dem NSU
gebracht, obwohl dieser wenige Wochen vor der
Beweismittelvernichtung als Zeuge – hier – in diesem Saal geladen
war.
Frau Zschäpe hingegen war beim Vernichten von Beweismitteln
weniger gründlich. Denn in der ausgebrannten Wohnung in der
Frühlingstraße wurden Protokolle der Beschuldigtenvernehmung
von Jan Werner aus dem von der Bundesanwaltschaft geführten
Landser-Verfahren aufgefunden. (Ass. 2.12.285) Wie das im
Untergrund doch so isolierte Trio an diese Unterlagen vom 17.01.02
gekommen ist, bleibt ein Rätsel.

Worauf ich hinaus will, ist eigentlich nur ein sehr einfaches
Rechenbeispiel:
An der Ausspähung der Berliner Synagoge im Mai 2000, also wenige
Monate vor dem ersten Mord an Enver Simsek, waren beteiligt:
Beate Zschäpe, Uwe Mundlos, mutmaßlich Jan Werner und eine
unbekannte weibliche Person mit 2 Kindern. Wer fehlt, ist Uwe
Böhnhardt, der sich an jenem Tag laut LfV Sachsen in Chemnitz
aufhielt.
Man müsste also buchstäblich nur Eins und Eins zusammenzählen,
um die Trio-These zu verwerfen. Ich glaube, dass jeder in diesem
Saal zu dieser mathematischen Leistung fähig ist.
Meine Mandantinnen und ich sind überzeugt, dass es, wie die
Geschichte zeigt, nur eine Frage der Zeit ist, bis die fehlenden
Puzzlestücke im NSU-Komplex bekannt werden. Denn mit der
Wahrheit ist es so eine Sache.
So schreibt Hannah Arendt schon 1963:
„Zwar ist Wahrheit ohnmächtig und wird in unmittelbarem
Zusammenprall mit den bestehenden Mächten und Interessen

immer den Kürzeren ziehen, aber sie hat eine Kraft eigener Art: Es
gibt nichts, was sie ersetzen könnte. Überredungskünste oder auch
Gewalt können Wahrheit vernichten, —-
aber sie können nichts an ihre Stelle setzen. (…)
Wahrheit könnte man begrifflich definieren als das, was der Mensch
nicht ändern kann; metaphorisch gesprochen ist sie der Grund, auf
dem wir stehen, und der Himmel, der sich über uns erstreckt.“
Hinsichtlich der hier angeklagten Personen und Taten hat die
Bundesanwaltschaft im Übrigen sehr gute Arbeit geleistet, so dass
ich mich ihren Ausführungen nur anschließen kann.
Schade nur, dass sie hinsichtlich ihrer mangelhaften
Ermittlungsleistungen zu weiteren NSU-Unterstützern süffisant
darauf verweisen musste, wir Anwältinnen und Anwälte der
Nebenklage hätten unseren Mandantinnen und Mandanten
„Hintermänner an den Tatorten“ versprochen.
Verehrte Damen und Herren der Bundesanwaltschaft, das ist nicht
wahr.

Ich habe meinen Mandantinnen vielmehr erklärt, dass es bereits ein
Versprechen gibt.
Meine Mandantinnen sitzen hier, weil sie die Einhaltung dieses
Versprechens fordern. Des Versprechens, das unseren Staat, unsere
Gesellschaft im Innersten zusammenhält. Es geht ihnen um das
Versprechen, das unsere freiheitliche, rechtsstaatliche Demokratie
im Kern ausmacht.
Das Versprechen, das Leben und die Würde der
Rechtsunterworfenen zu achten und zu schützen. Das vornehmste
Versprechen, auf dem unsere Verfassung gründet, und auf das wir
Juristinnen und Juristen und auch Sie, verehrte Damen und Herren
der Bundesanwaltschaft, vereidigt sind.
Ich zitiere das Bundesverfassungsgericht:
„Jedes Menschenleben ist gleich wertvoll, jeder Mensch besitzt die
gleiche Würde. Jeder einzelne hat daher einen Anspruch, dass sich
der Staat schützend vor sein Leben stellt. (…) Das menschliche Leben
stellt, wie nicht näher begründet werden muss, innerhalb der
grundgesetzlichen Ordnung einen Höchstwert dar; es ist die vitale
Basis der Menschenwürde und die Voraussetzung aller anderen
Grundrechte“. (BVerfGE 39,42)

Es ist nicht gelungen, dieses Versprechen gegenüber den Opfern
und deren Hinterbliebenen einzuhalten. Worauf aber jeder Mensch
in diesem Land einen Anspruch hat, ist, dass die Täter und ihre
Helfer so bestraft werden, dass für Rechtsfrieden gesorgt ist.
Diese Rechtspflicht ergibt sich nicht nur aus dem Grundgesetz,
sondern auch aus dem Völkerrecht: Der Europäische Gerichtshof für
Menschenrechte hat im Hinblick auf das verbürgte Recht auf Leben
ein umfassendes Schutzregime ausgearbeitet. Dieses verpflichtet die
Mitgliedsstaaten der Konvention zur umgehenden Durchführung
von wirksamen, unabhängigen, angemessenen und gründlichen
Ermittlungen, die geeignet sind, die Umstände einer Tat zu klären
sowie die Schuldigen zu identifizieren und zu bestrafen.
Das, verehrte Damen und Herren der Bundesanwaltschaft, ist das
einzige Versprechen, das ich mit meinen Mandantinnen je
thematisiert habe.
Hoher Senat, auch ich darf im Namen meiner Mandantinnen an Sie
appellieren, unbequem zu sein. Sie sind unabhängig. Hinsichtlich
der angeklagten Taten ist durch die Bundesanwaltschaft und durch
meine Kolleginnen und Kollegen alles gesagt.

Haben Sie den Mut, auch auszusprechen, was dieser Prozess nicht
leisten konnte, wo er unvollkommen bleiben musste. Haben Sie den
Mut, nicht so zu tun, als sei alles in Ordnung.
Ich bin überzeugt davon, dass dieser Senat ein Urteil fällen wird, das
der Revision standhält.
Ich darf an Sie appellieren: Sprechen Sie ein Urteil, das auch vor der
Geschichte Bestand hat.

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