Deutschlandfunk|Darf man Rechtsextreme noch als rechtsextrem bezeichnen?


Von Tobias Ginsburg

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Die politische Rechte wehrt sich gern dagegen, als rechts bezeichnet zu werden. Sie finde dafür teilweise haarsträubende Argumente, die den Diskurs aber effektiv unterdrücken, sagt der Autor Tobias Ginsburg. Dabei sei eine klare Bezeichnung unerlässlich.

Können wir Nazis noch Nazis nennen? Faschisten und Rechtsextremisten als solche bezeichnen? Von Sprachverboten zu reden, das will ich lieber den Rechtsaußen überlassen. Aber während die Debatten zusehends nach rechts wandern, da verfallen wir, so scheint es, einer Sprachkrise.

Eine Anekdote. Aus dem Wahlkampfsommer 2017, aus dem dunkeldüsteren Herzen Deutschlands, in diesem Fall: einem Gasthaus in der thüringischen Kleinstadt Kahla.

Stahlharte Parolen lassen hier die Wut der Menschen zu Hass werden: Hass auf Flüchtlinge und Minderheiten, Gutmenschen und ihre degenerierte Demokratie. Aber Nazis gebe es hier keine – das verkündet der Redner und dröhnt: „Wir lassen uns nicht in die rechte Ecke stellen.“

Ganz hinten im Saal, von wo ich das Spektakel beobachte, da steht ein Neonazi: so ein richtiges, kolossales und extragrimmiges Exemplar, Runen auf seinem Shirt, ein Sonnenrad auf seine Wade tätowiert – die Gesinnung in den massiven Körper eingenarbt. Und kaum hat er gehört, dass man hier ja nicht rechts und niemand ein Nazi sei, da reißt er sein Bier in die Höhe und brüllt aus tiefster Seele: „Jawoll!“

Fassungslos muss ich lachen. Reißt die neurechte Rhetorik Neonazis etwa in eine Identitätskrise? Der Neonazi will kein Neonazi sein. Ist das etwa nicht witzig?

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Naja. Je länger man darüber nachdenkt, desto unwohler muss einem werden. Denn wie mein thüringischer Titan wollen viele Anhänger der neuen ultrarechten Bewegungen nicht als rechts gelten. Und keiner als Faschist. Und Nazi will in Deutschland seit 1945 sowieso kaum einer sein. Zumindest nicht öffentlich.

Das ist albern, aber es funktioniert. Solange sie sich selbst als paneuropäisch-identitäre Ethnonationalisten mit sozialistischer Neigung bezeichnen oder besorgte Bürger oder einfach Keine-Nazis-Abers, haben wir den Rechten nicht viel entgegenzuhalten. Nenn‘ ihre Ideologie faschistisch und sie lachen über die rhetorische Keule, klagen wegen Diffamierung oder erwidern in allerbester Pausenhoflogik: „Gar nicht, selber!“

 

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