Hajo Funke: Der Kampf um die Erinnerung (VSA Verlag)


Hajo Funke: Der Kampf um die Erinnerung

Hitlers Erlösungswahn und seine Opfer
280 Seiten | € 24.80
ISBN 978-3-89965-842-2
VSA: Verlag Hamburg 2018

Der israelisch-US-amerikanische Historiker und Holocaust-Überlebende Saul Friedländer forderte in seiner Rede zur Erinnerung an die Befreiung
von Auschwitz Ende Januar 2019 im Bundestag: Wir erwarten, dass Deutschland ein »Bollwerk …für die wahre Demokratie«, gegen Nationalismus und Rassismus, bleibt. Das soeben erschienene

Buch des Politikwissenschaftlers Hajo Funke versteht sich als Beitrag dazu. Drei Prozesse machen sein Buch unvermutet aktuell:
Erstens: Die extreme Rechte um Götz Kubitschek, die Identitären unter Anführung von Martin Sellner und ihre Mitstreiter im völkischen »Flügel« der AfD fordern vehement eine Abkehr von deutscher Erinnerungspolitik, eine »Wende um 180 Grad« (Björn Höcke), und erklären sich »stolz auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen« (Alexander Gauland).

Zweitens: Die extreme Rechte bezieht sich ausdrücklich auf die Ideen der Anti-Demokraten in der Weimarer Republik um Ernst Jünger und Carl Schmitt und damit auf die von Armin Mohler propagierte »Konservative Revolution«, die intellektuellen Wegbereiter der nationalsozialistischen Bewegung. Armin Mohler forderte bereits in den 1980er Jahren, die extreme Rechte solle die Menschen »in den Eingeweiden« bewegen, wie dies auf »vorbildliche« Weise die Nationalsozialisten getan
hätten.
Drittens: Immer entschiedener erklärt die Rechte die Muslime zu einer tödlichen Gefahr. Ihre Vertreter beschwören den »großen Austausch«: die »Auflösung der Völker« in Europa wie in den Vereinigten Staaten. Welche Gewaltbereitschaft sich heute mit dieser Verschwörungstheorie des
»großen Austausches« verbindet, belegt nicht nur das Fanal von Chemnitz, wo das erste Mal seit 1949 eine Bundestagspartei mit den militantesten Vertretern der Rechten gemeinsame Sache gemacht hat. Mit brutaler Offenheit zeigt dies jüngst das Attentat von Neuseeland: Ein zur Nach-
ahmung empfohlener tödlicher Akt der »Revolte gegen den großen Austausch«. Und ebenso das größte Massaker an Juden in der Geschichte der Vereinigten Staaten Ende Oktober 2018 in Pittsburgh. Für die Attentäter und ihre Ideologen ist das erst der Anfang. Die Rechte ist in ihrer Gewalt-
bereitschaft eine wachsende Gefahr für Deutschland und Europa, für die Werte der Menschenwürde und der Menschenrechte in aller Welt.

Ihre Anhänger sprechen von einem neuen »Bürgerkrieg« und treiben damit die AfD vor sich her. Beim notwendigen »Remigrationsprojekt« von Millionen von Menschen werde man um »moralisch schmerzhafte« Gewaltmittel und um eine Politik der »wohldosierten Grausamkeit« nicht herumkommen.

Den Vertretern einer solchen paranoiden Weltanschauung erscheint, wie den Anhängern der »politischen Religion« des Nationalsozialismus, der eigene Kampf als existentieller Überlebenskampf.

Bereits 1932 erkannte der damals junge Berliner Psychoanalytiker Heinrich Löwenfeld nach der Lektüre von Hitlers »Mein Kampf«: Das ist eine paranoide Schrift. »Leute, die eine Paranoia haben, haben eine ungeheuer gewaltige Stoßkraft. Kein Mensch kann so sicher sein wie ein Paranoiker.«
2019 ist die Welt eine andere als am Ende der Republik von Weimar. Aber die Entschiedenheit, mit der die Rechte auf das Gedankengut der damaligen Anti-Demokraten setzt, zeigt, wohin deren Reise gehen soll. Hajo Funke blickt auf diese Geschichte und ihre Radikalisierung im Antisemitismus als Staatsideologie, ebenso wie auf die furchtbaren Folgen für seine Opfer, zurück.

»Eindringlich und anschaulich analysiert Hajo Funke«, so der Senior Advisor am Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg, Micha Brumlik, »den Nationalsozialismus. Indem er Adolf Hitler als gelehrigen Schüler des Komponisten Richard Wagner ausweist, zeigt er das NS-Regime als ein perfides, die Massen betörendes ›Gesamtkunstwerk‹. Denn es ging um eine politische Religion, die Religion einer Erlösung durch Massenmord – um, wie Saul Friedländer sagte, ›Erlösungsantisemitismus‹. Die Erinnerung an die dynamische Radikalisierung des Nationalsozialismus ist angesichts der Gefahren neuer faschistischer Bewegungen aktueller denn je.«

Hajo Funkes Buch hilft uns zu verstehen, warum die offene Auseinandersetzung mit dieser für so viele attraktiven Ideologie so schwer war und warum in den ersten Jahrzehnten nach 1945 ein »dröhnendes Schweigen« herrschte. Erst in den letzten Jahrzehnten hat sich in der Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus ein breiterer Konsens herausgebildet und, mit der wachsenden Gefahr von rechts, die Bedeutung des Rechts auf Menschenwürde als Kern des Grund-
gesetzes geschärft. »Der Kampf um die Erinnerung« ist ein Plädoyer dafür, dass sich »Weimar«nicht wiederholen möge. Im Blick zurück klärt das Buch die Sicht auf den rechten Gewaltterror im Europa der Gegenwart. Immerhin erkennen heute 80% der deutschen Bevölkerung, dass es diese
Gefahr von rechts gibt, und wollen das Grundrecht der Menschenwürde verteidigen.

Der Autor:
Hajo Funke ist Professor (i.R.) an der Freien Universität Berlin. Von ihm erschienen zuletzt bei VSA:
»Sicherheitsrisiko Verfassungsschutz. Staatsaffäre NSU: das V-Mann-Desaster und was daraus gelernt werden muss« (2017), »Gäriger Haufen. Die AfD: Ressentiments, Regimewechsel und völkische Radikale« (zusammen mit Christiane Mudra) und »Rechtspopulistische Zerstörung Europas?« (zusammen mit Klaus Busch und Joachim Bischoff).

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