Vorstellungen zum Buch von Hajo Funke: „Der Kampf um die Erinnerung. Hitlers Erlösungswahn und seine Opfer.“ (VSA-Verlag)


Hajo Funke stellt in den folgenden Wochen sein neuestes Buch „Der Kampf um die Erinnerung“ vor und nimmt zur Entwicklung von politischen Kultur, Rechtspopulismus und Rechtsextremismus in Deutschland und Europa vor den kommenden Wahlen Stellung:

Dienstag, 14. Mai um 20:30 Uhr im Buchhändlerkeller in der Carmerstraße 1 in Berlin-Charlottenburg – im Gespräch mit Professor Dr. Micha Brumlik

Donnerstag, 16. Mai um 18:00 Uhr in einer Veranstaltung der Grünen in Weida/ Thüringen, mit einer besonderen Ausrichtung auf die Europawahlen am 26. Mai

Donnerstag, 23. Mai um 19:00 Uhr in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand zu den besonderen geschichtlichen Aspekten der Erinnerungskultur in Deutschland, moderiert und eingeleitet von Professor Dr. Johannes Tuchel.

Bisherige Veranstaltungen: Mit Micha Brumlik auf der Leipziger Frühjahrsmesse; auf Einladung des Strafverteidigertags am 23. März in Regensburg; auf Einladung des Integrationsrats und des DGB am 27. März in Düsseldorf; auf Einladung der Grünen in Worpswede bei Bremen; auf Einladung der Bürgerbewegung Nürnberg sowie des DGB in Nürnberg am 2. und 5. April; auf Einladung von Peter Kranz in der „WILMA“ in Berlin-Charlottenburg am 26. April; auf Einladung des Zentralrats der Juden in Deutschland zu einer Bildungsveranstaltung am 4. Mai und auf Einladung des Vereins der ausländischen Presse am 6. Mai, Bundespressekonferenz,am Donnerstag, 9. Mai auf Einladung der Europa-Union im Rheinischen Hof in Dinklage, Kreis Vechta .

Weitere Veranstaltungen finden am 20. Juni mit Hajo Funke in Rostock, am 4. Juli auf Einladung des DGB in Hattingen, am 22. August auf Einladung der Geschwister-Scholl-Schule in Bensheim, Hessen und schließlich am 13. November auf Einladung des regionalen Demokratiezentrums in Freiburg in Breisgau statt.

Zur Bedeutung des Kampfes um Erinnerung heute1

Deutschland – ein „Bollwerk wahrer Demokratie“ (Friedländer)? Zur Aktualität der Erinnerung

1. Erinnerungsabwehr durch Rechtspopulisten und die extreme (neue) Rechte

Der US-amerikanische Historiker Saul Friedländer forderte von den Deutschen in seiner Erinnerungsrede zur Befreiung von Auschwitz Ende Januar 2019 im Bundestag: Wir erwarten, dass Deutschland ein „Bollwerk wahrer Demokratie“ gegen Nationalismus und Rassismus ist. Es sind vier Herausforderungen von ganz rechts, die diese Aufforderung aktuell erscheinen lassen:

(1) Die AfD um Björn Höcke und Alexander Gauland fordert vehement eine Abkehr deutscher Erinnerungspolitik, eine „Wende um 180°“ (Höcke), und erklärt sich „stolz auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“ (Alexander Gauland).

(2)Die extreme neue Rechte um den Verleger Götz Kubitschek und den Identitären Martin Sellner bezieht sich in ihrer Propaganda ausdrücklich auf die Ideen der Anti-Demokraten und radikalen „Neuen Nationalisten“ in der Weimarer Republik eines Ernst Jünger. Er sah sich als Vertreter eines radikalen Nationalismus der Zerstörung: „Der Krieg ist unser Vater, er hat uns gezeugt im glühenden Schoße der Kampfgräben als ein neues Geschlecht … Daher sollen unsere Wertungen auch heroische, auch Wertungen von Kriegern und nicht solche von Krämern sein, die die Welt mit ihrer Elle messen möchten.“ Carl Schmitt trat gar für ein „Führrecht“ Hitlers ein und postulierte: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“

Beide sind zentrale Gewährsleute der von dem extremen Rechten Armin Mohler propagierten sogenannten „Konservative Revolution“, den Wegbereitern der nationalsozialistischen Bewegung in der „Kampfzeit“ bis 1933 und danach. Armin Mohler hatte in genügender Deutlichkeit schon in den achtziger Jahren davon gesprochen, die extreme Rechte solle die Menschen „in den Eingeweiden“ bewegen, wie dies vorbildlich die Nationalsozialisten getan hätten.

(3) Immer entschiedener erklären die extremen Rechten die Muslime zu einer tödlichen Gefahr für Deutschland, Europa und die Welt. Der radikale „Flügel“, der die AfD vor sich her treibt, spricht ahnungsvoll vom „Bürgerkrieg“. Beim notwendigen „Remigrationsprojekt“ von Millionen „kulturfremder“ Menschen werde man um eine Politik der „wohltemperierten Grausamkeit“ nicht herumkommen, so Höcke in „Nie zweimal in denselben Fluss“ – wenn man an der Macht sei. Ein Vorschlag, der dem der NPD gleicht.

(4)Die Identitären beschwören den „großen Austausch“: die Auflösung der Völker in Europa wie in den Vereinigten Staaten. Ihre paranoide Zuspitzung legt Gewalt nahe und führt wie im Fall des neuseeländischen Attentäters zu rechtem Terror. Der Attentäter hat sein zum Attentat veröffentlichtes Pamphlet „The Great Replacement“ (Der große Austausch) betitelt und sich damit ausdrücklich auf die Ideologie der Identitären und die bei Götz Kubitschek im antaios-Verlag veröffentlichte Kampfschrift „Revolte gegen den großen Austausch“ bezogen – und die Identitären finanziell unterstützt.

2. Die Bedeutung historisch-politischer Erinnerung

Die schubweise Wiederkehr antidemokratischer Ideologien und paranoider Zuspitzungen macht eine Erinnerung an den Charakter des neuen Nationalismus der sogenannten konservativen Revolution ebenso sinnvoll wie eine Analyse über den Charakter der paranoiden Zuspitzungen in der nationalsozialistischen Bewegung.

Zu einer zentralen Figur gehört für die extreme neue Rechte nach wie vor Ernst Jünger. Offensichtlich fasziniert auch die heutige extreme neue Rechte die Beschwörung der Kampf- und Todeserlebnisse Jüngers, ihre heroische Überbietung und die damit verbundene Abwendung tödlicher Angst zugunsten eines heroischen Realismus und eines höchst destruktiven, nihilistischen Nationalismus.

Genau dieser Nationalismus war der „produktive“ Kern des antidemokratischen Denkens der Weimarer Republik. Mit ihm erhielt die völkische Ideologie des Nationalsozialismus „Format“. Und bei aller Beschwörung angeblicher Distanz dieser Nationalisten vom Nationalsozialismus waren sie mit diesem und seinem paranoiden Judenhass vielfach im Einklang.

Hitlers Erlösungswahn„Kein Mensch kann so sicher sein wie ein Paranoiker“.

Ohne diesen Erlösungswahn wären die Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus (in seinem Weltanschauungs- und Vernichtungskrieg) nicht denkbar gewesen. Der junge Psychoanalytiker Heinrich Löwenfeld hatte in seiner frühen Lektüre von „Mein Kampf“ die gefährliche Stoßkraft dieser Paranoia schon Ende der Weimarer Republik treffend erkannt: „Leute, die eine Paranoia haben, haben eine ungeheure gewaltige Stoßkraft. Kein Mensch kann so sicher sein“. (Diese Paranoia wurde nach 1933 zur antisemitischen Staatsdoktrin gemacht.) In „Mein Kampf“ hatte Hitler nichts weniger als seine politische „Religion“ formuliert. Er hat sie unter Benutzung der antisemitischen Musikdramen Richard Wagners und seiner besonderen Überwältigungsästhetik zum Kern einer ungeheuer erfolgreichen politischen Inszenierung von Faszination und Terror gemacht. Es war ihm um eine „Religion“ der „Erlösung“ durch Massenmord, um „Erlösungsantisemitismus“ (Saul Friedländer) gegangen.

Hinzu kommt, dass die Identifizierung der Vielen mit dem NS-Regime anhielt, sich mit der Vorstellung von einem großen neuen und erfolgreichen Reich, mit den autoritären Masseninszenierungen und schließlich den Erfolgen in den „Blitzkriegen“ der ersten Jahre noch steigerte und mit dem Besuch Hitlers im besiegten Paris 1940 sich in Begeisterungsstürmen für das Regime zeigte. (Der bravouröse und von Verantwortungsethik getragene Widerstand des 20. Juli 1944 scheiterte auch daran, dass er von zu wenigen in Wehrmacht und Bevölkerung getragen, sondern tragisch isoliert war.)

3. Das Plädoyer einer „kollektiven Unschuld“ nach 1945 durch die extreme Rechte

Die Verstrickung der Vielen trug nach 1945 dazu bei, dass in den ersten Jahrzehnten es an einer angemessen kritischen Erinnerung gefehlt hatte. Trotz des Eichmann-Prozesses in Jerusalem und des von Fritz Bauer vehement betriebenen Auschwitzprozesses in Frankfurt wollten danach – Mitte der 60er Jahre – knapp 60 % den Schlussstrich und sie wollten ihn bis auf wenige Ausnahmen auch noch, als spät das Holocaust-Mahnmal 2005 der Öffentlichkeit übergeben wurde.

Was lag für die extreme Rechte angesichts der Verstrickung mit dem Nationalsozialismus näher, als eine angemessen kritische Erinnerung an diese Schrecken abzuwehren und die These eines davon unberührten neuen Nationalismus zu beschwören. Das hatte Armin Mohler in seiner 1949 erschienenen „konservativen Revolution“ versucht. Er koppelte die Ideologen der konservativen Revolution schlicht vom Nationalsozialismus ab und erklärte sie zu „Trotzkisten des Nationalsozialismus“. Dies, obwohl bekannt ist, dass jemand wie Ernst Jünger als extremer Nationalist begeistert für den „Völkischen Beobachter“ schrieb und Carl Schmitt sich gleich ganz zum Propagandisten des Führerrechts und einem auch nach 1945 durchgehaltenen Antisemitismus radikalisiert hatte.

Mit dem Aufkommen gewaltgefährlicher rechtsextremer Bewegungen und einer neofaschistischen Gewalt- und Terrorbereitschaft in Teilen dieser Bewegung hier, in Europa und der westlichen Welt aber ist eine genaue Kenntnis der antidemokratischen Entwicklung seit der Weimarer Republik, der Dynamik gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und totalitärer Bewegungen und ihres paranoiden Wahns gerade für unsere multiethnisch geprägten Gesellschaften aktueller denn je.

Konfrontation mit der anderen Erinnerung Überlebender

Ein Verständnis des Dritten Reichs und seiner Vorgeschichte ist indes ohne die analytische und emotionale Konfrontation mit dem, was seine Opfer erfahren haben, ganz unvollständig. Denn nur sie, so Friedländer in seiner umfassenden „Geschichte des Dritten Reichs und der Juden“, böte eine Ahnung von dem, was geschehen ist: was mit ihnen geschehen ist. Und selbst „das ist nicht die Wahrheit, nur ein kleiner Teil, ein winziger Splitter der Wahrheit“, wie Stefan Ernest im Warschauer Getto 1943 seinem Tagebuch anvertraut hatte. „Selbst die mächtigste Feder kann nicht die ganze, die wirkliche, die unfassbare Wahrheit in Worte fassen.«

Überlebende und ihre Zeugnisse bieten unverzichtbare Hinweise und dem Leser eine Chance, das Unvorstellbare wenigstens zu ahnen und emotional wie analytisch Folgerungen zu ziehen.

4.Die neue Gefahr des rechten Terrors. Der Vormarsch der Rechtspopulisten in Deutschland ist in den Monaten nach der gefährlichen Dynamik der Chemnitz-Ereignisse unterbrochen, wenn nicht gebrochen.

Ob Deutschland das „Bollwerk“ einer wahren Demokratie sein kann, wird sich zeigen. Mit den Auseinandersetzungen gegen ganz rechts ist der großen Mehrheit der deutschen Bevölkerung aber ins Gedächtnis gerufen worden, wie bedeutend das Verfassungswerk des Grundgesetzes mit seinem ersten Artikel der unmittelbaren Geltung der Menschenwürde eigentlich ist.

In den letzten drei Jahren hatten wir eine erhebliche dynamische Mobilisierung einer rechtspopulistischen Partei, die zunehmend als rechtsextrem interpretiert wird, auch vom Verfassungsschutz. Ihnen sind mit dem Einzug in den Bundestag und in ostdeutschen Ländern erhebliche Erfolge gelungen. Sie hatten einen Rechtsruck bewirkt.

Dies hat sich besonders in den Ereignissen um und nach Chemnitz im August und September letzten Jahres gezeigt – aber dies hat die Grenzen einer gewalt- und terrorgefährlichen Rechtsextremisierung der nun miteinander verbundenen Bewegungen dokumentiert. Der braune Rubikon war überschritten worden. Die Terrorzelle „Revolution Chemnitz“ wurde ausgehoben – die Warnungen vor rechtem Terror haben sich verstärkt – das wiederum hat die demokratische Gegenbewegung verstärkt.

Der Zenit dieser extremen Rechten ist in Deutschland fürs erste erreicht. Anders als in Italien, in Frankreich oder in Österreich stagniert seit nun mehreren Monaten der Zuspruch für die „Alternative“ oder geht sogar zurück wie in Bayern und vor allem in Norddeutschland und selbst die hohen Zahlen im Ostdeutschland dehnen sich nicht weiter aus, sondern gehen wie in Brandenburg oder Thüringen auf unter 20 % leicht zurück, anders als in Sachsen. In den Europawahlen würden gerade noch einmal 10 % AfD wählen.

Nach der neuen Studie von Zick und Küpper der Friedrich-Ebert-Stiftung sind es

(1) 90 % räumen dem Prinzip der Menschenwürde höchste Priorität ein: 86 % vertreten die Idee gleicher Rechte und 93 % die Würde und Gleichheit an erster Stelle. Diese Zahlen haben zugenommen. Mehr als 80 % finden es gut, wenn Menschen sich gegen die Hetze gegen Minderheiten einsetzen und fordern eine vielfältige Gesellschaft.

(2) 44 % finden es gut, dass Deutschland viele Flüchtlinge aufgenommen hat und weitere 30 % zumindest teils/teils; der Anteil jener, die hier nicht oder eher nicht zustimmen, ist lediglich von 20 auf 25 % angestiegen; die Kritik an der sogenannten Flüchtlingskrise ist überraschend gering.

(3) Die Zustimmung zur vermeintlichen „Islam-Verschwörung“ ist drastisch zurückgegangen. Der Aussage, die deutsche Gesellschaft werde durch den Islam unterwandert, hatten 2016 noch 40 % zugestimmt, heute noch 25 %.

86 % fordern: der Zusammenhalt in der EU muss gestärkt werden. Gerade 10 % sind für den Austritt aus der EU. Die populistische Rechte dürfte zusammen im Europaparlament nicht mehr als ein Viertel erreichen.

5. Die Erinnerung an die NS-Verbrechen muss tragendes Merkmal des Geschichtsverständnisses dieser Republik bleiben

Entgegen den nach 1945 immer wieder erhobenen Forderungen, einen »Schlussstrich« unter die Erinnerung an die NS-Zeit zu setzen, hatte sich mühsam ein weitgehender Konsens über die Notwendigkeit des öffentlichen Gedenkens entwickelt – bis dieser, nicht zuletzt durch den »Vogelschiss«-Vergleich eines Fraktionsvorsitzenden des Deutschen Bundestages, von weit rechts infrage gestellt wurde wie nie zuvor seit den 1950er Jahren. Dass die Erinnerung so umkämpft ist, hängt auch mit der NS-Ideologie und ihrer fatalen Verankerung in der deutschen Gesellschaft zusammen. Es war die quasireligiöse Faszination für eine neue Herrschaft nach den Krisen der Weimarer Republik, die große Teile der Bevölkerung nicht nur zur Selbstunterordnung, sondern auch zum Mitmachen bewegt hat – bis zum apokalyptischen Vernichtungskrieg.

»Eindringlich und anschaulich analysiert Hajo Funke den Nationalsozialismus. Indem er Adolf Hitler als gelehrigen Schüler des Komponisten Richard Wagner ausweist und damit das NS-Regime als ein perfides, die Massen betörendes Schauspiel, zeigt er zugleich, dass es stets um mehr als um ›Kunst‹ ging: nämlich um eine politische Religion, die Religion einer Erlösung durch Massenmord – um, wie Saul Friedländer sagte, ›Erlösungsantisemitismus‹. Die Erinnerung an die dynamische Radikalisierung des Nationalsozialismus ist angesichts der Gefahren neuer faschistischer Bewegungen aktueller denn je.«

(Micha Brumlik)

1 Vor dem Verein der ausländischen Presse stellte Hajo Funke am 6. Mai seine Thesen zum Buch vor.

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