BerlinerZeitung| Erschossen im Grunewald-Die Farce um die Aufklärung des Mordes an einem V-Mann


von Andreas Förster

Im Juni 1974 wurde der V-Mann Ulrich Schmücker im Grunewald erschossen. Ein Fememord, denn  Schmücker hatte für den West-Berliner Verfassungsschutz die linke Szene ausspioniert. Die Aufklärung geriet zur Farce.

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Die Nacht auf den 5. Juni 1974 ist recht frisch, gerade mal 10 Grad zeigt das Thermometer an. Die 50 amerikanischen Soldaten, die im Berliner Grunewald seit einigen Stunden eine Militärübung absolvieren, sind froh, als sie sich kurz nach Mitternacht auf den Rückweg zu ihrem Kommandozelt auf einem Parkplatz an der Krummen Lanke machen können. Zwei von ihnen, die sich etwas abseits der Truppe parallel zum Ufer des Sees durchs Unterholz schlagen, hören plötzlich ein Röcheln und leises Stöhnen. Es kommt aus einer Schonung am Rande eines Waldwegs. Im Schein ihrer Taschenlampen finden die beiden GIs schließlich den Körper eines jungen Mannes. Er liegt auf dem Rücken, sein Kopf ist unter den Zaun gerutscht, der die Schonung umgibt. Aus einer Einschusswunde an seiner Stirn sickert Blut.

Um 0.50 Uhr können die herbeigeeilten Ärzte nur noch den Tod des Mannes feststellen. Die Polizei findet bei dem Leichnam eine Brieftasche samt Personalausweis. Der Tote heißt demnach Ulrich Schmücker, er wurde 22 Jahre alt. Was die Beamten im Grunewald zu diesem Zeitpunkt vermutlich noch nicht wissen: Der in Hagen geborene Student war Terrorist und zugleich V-Mann des Verfassungsschutzes. Seine Ermordung wird tags darauf ein „Kommando Schwarzer Juni“ als Hinrichtung eines Verräters rechtfertigen.

Seit jener Nacht vor 45 Jahren steht Schmückers Name für einen in der bundesdeutschen Geschichte beispiellosen Geheimdienstskandal und eine unglaubliche Justizaffäre. Dreimal wurden die mutmaßlichen Täter verurteilt, dreimal hob der Bundesgerichtshof die Urteile auf – weil die Berliner Richter weder die Tatumstände umfassend aufgeklärt hatten noch die Verwicklung des Verfassungsschutzes in den Mord. Am Ende blieb das Verbrechen ungesühnt.

Der Journalist Stefan Aust, der zwei Bücher über den Schmücker-Mord geschrieben und mit seinen Recherchen wesentlich zur Aufklärung beigetragen hat, nannte die Affäre einmal den „wohl abenteuerlichsten Fall von Manipulation des Rechtsstaates, der in der Bundesrepublik je bekannt wurde“.

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