CORRECTIV| Augen zu und durch: NRW und die Ultrarechten


Ein rechtes Netzwerk in NRW? Gibt es nicht. In Anbetracht jüngster Geschehnisse wirkt die aktuelle Erklärung des NRW-Innenministeriums noch zynischer: Es „liegen der Landesregierung keine Erkenntnisse über eine strukturierte Zusammenarbeit von „Combat 18“ mit anderen Gruppierungen aus der rechtsextremistischen Szene in Nordrhein-Westfalen vor.“ Und weiter: „Festzustellen sind Kontakte einzelner Mitglieder von „Combat 18“ in die rechtsextremistische Musikszene und zu der Partei „Die Rechte“.“

Die Landesregierung geht aktuell von neun Combat 18-Mitgliedern (C18) in NRW aus. Rein rechnerisch sollte man da der Aktivität „einzelner Mitglieder“ eine höhere Bedeutung zuschreiben. Schwerpunkt der Combat 18-Aktivitäten ist Dortmund. Eine CORRECTIV-Auswertung von Straftaten, die aus einem weiteren Landtagsbericht hervorgehen, zeigt, dass ein Großteil der Straftaten, die mit C18-Mitgliedern in Verbindung gebracht wurden, in der Ruhrgebietsstadt stattfanden.

Auch nach dem Mord an dem Kassler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) gibt es deutliche Hinweise, dass der mutmaßliche Neonazi-Täter Stephan E. Kontakte zu C18 hatte. Der NRW-Verfassungsschutz erklärte gegenüber dem WDR, dass es zwischen Neonazis aus Dortmund und Kassel intensiven Austausch gibt, insbesondere zwischen C18-Mitgliedern: „Diese Gruppe sehen wir als besonders gewaltbereit, waffenaffin, und es besteht die große Gefahr, dass hier Einzelpersonen sich sehr stark radikalisieren.“

Die Verbindungen nach Dortmund sind bedeutsam: Dortmund ist Schwerpunkt für rechte Musikveranstaltungen und Aufmärsche in NRW. Bundesweite Veranstaltungen wie Kampfsportevents werden von Führungspersonen der Dortmunder Neonazi-Szene organisiert. Marko Gottschalk, Sänger der Dortmunder Rechtsrock-Band Oidoxie, zählt seit 2000 zu den C18-Schlüsselfiguren. In unserer grafischen Reportage„Weisse Wölfe“ haben wir die Verbindungen zwischen den NSU-Morden und der Dortmunder C18-Szene aufgezeigt.

Die Landesregierung lässt in ihrer Erklärung neben dem persönlichen Austausch auf Veranstaltungen das Prinzip des „führerlosen Widerstandes“ völlig außer Acht, dem sich besonders rechtsterroristische Gruppen wie C18 verschrieben haben: die Propaganda durch die Tat. Augenscheinliche Einzeltäter sind durch Soziale Medien sowie durch die Allgegenwärtigkeit von Information weltweit verbunden und stehen durch Aktionen und Anschläge in einem ständigen ideologischen Austausch. Wir sprachen in unserem Buchladen über dieses neue Netzwerk des rechten Terrors mit dem Politikwissenschaftler und Terrorexperten Florian Hartleb.

Was unternimmt die Landesregierung gegen die rechtsextreme Gruppe „Combat 18“? (Drucksache 17/6725 – Landtag NRW)
„Combat 18“ in Nordrhein-Westfalen (Drucksache 17/5475 – Landtag NRW)
Hintergrund: Spinnen im Terrornetz (CORRECTIV)
Hintergrund: Mord an Lübcke: Verbindungen zwischen Dortmund und Kassel (WDR)
Hintergrund: Rechtsextremes Untergrund-Netzwerk im Ruhrgebiet? (WDR)
Hintergrund: Das rechtsextreme Netz „Combat 18“ (WDR)
Hintergrund: Weisse Wölfe – eine grafische Reportage über den rechten Untergrund und seine Verbindungen nach Dortmund (CORRECTIV)
Hintergrund: Die im Dunkeln sieht man nicht – Eine Geschichte über den Rechtsextremismus in Dortmund seit 1982 (Ruhr Nachrichten)
Hintergrund: Das neue Gesicht des rechten Terrors – #Live aus dem Buchladen(CORRECTIV / Youtube)
Hintergrund: Der Fall Lübcke / Wieso können Nazis weiter morden? – #Live aus dem Buchladen (CORRECTIV / Youtube)

Quelle: Correctiv

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