In Erinnerung an Franz Ansprenger


Der Afrika-Wissenschaftler am Otto-Suhr-Institut ist am 6. April 2020 93-jährig in Berlin gestorben

Franz Ansprenger war am Otto-Suhr-Institut von Ende der sechziger Jahre bis 1992 Professor für Afrikawissenschaften. Er hat die Afrika-Wissenschaft aufgebaut und geprägt. Als Afrika-Historiker und Hochschullehrer zu den Praktiken und Folgen europäischer Kolonialherrschaft, afrikanischer Befreiungsbewegungen oder des Apartheidregimes war er unter den Studierenden außerordentlich geschätzt und beliebt.

Als Studierende haben wir seine souveräne und im Unterricht wie in den Prüfungen freundlich generöse Haltung geschätzt. Ihm war Zeit seiner Professur weniger die Gremienarbeit als die souveräne und freundliche Arbeit im Prüfungsausschuss – zusammen mit Ute Pfarr-Biegert – ein besonderes Anliegen.

Franz Ansprenger erfuhr frühzeitig Diskriminierung als „Nichtarier“ (wegen seiner jüdischen Mutter), was sein Weltbild mitgeprägt haben dürfte. (So sein langjähriger Assistent  Professor Rainer Tetzlaff) Ansprenger ist nach dem Ende der Hitler-Herrschaft wie andere unserer damaligen Professoren – von der Gablenz oder Georg Kotowski – mit dem Wissen in die Westberliner CDU eingetreten, dass diese sehr entschieden das Ahlener Programm und eine entsprechende linke Sozialorientierung vertrat. In den fünfziger Jahren teilte er Gustav Heinemanns Initiative für eine Notgemeinschaft für den Frieden in Europa, wie sich Jürgen Treulieb erinnert. Das war offenkundig eine Reaktion auf die  als riskant eingeschätzte Entscheidung der Adenauer Regierung, Mitte der Fünfzigerjahre in die NATO einzutreten. Auch wenn Ansprenger in der CDU blieb, vertrat er wie von der Gablenz oder Georg Kotowski einen linken, bildungspolitischen und an sozialer Gerechtigkeit orientierten Kurs.

Ansprenger hatte Geschichte und Journalismus studiert und sich dann der Politik im schwarzen Afrika verschrieben. 1964 wurde er im Fach neuere Geschichte mit besonderer Berücksichtigung Afrikas habilitiert. Alsbald folgte die Gründung der Arbeitsstelle Politik Afrikas am Otto-Suhr-Institut, die er nach Gastdozenturen in Los Angeles (1964) und in Tansania (1967/68) aufbaute. Er hat Generationen von Studierenden für Afrika motiviert, interessiert und vor allem ausgebildet. Zu den Schülern, Mitarbeitern oder Kollegen gehören unter anderem Lothar Brock, Margherita Goltzsche, Theodor Hanf, Kum’ a Ndumbe, die langjährige Dozentin am Otto-Suhr-Institut Salua Nour oder Dieter Oberndörfer und Rainer Tetzlaff. Obwohl Ansprenger in der Studentenbewegung auf der Seite der Professoren stand und vor den Gefahren der Gewalt warnte, ist er für viele auch linke Studierende und spätere Wissenschaftler wie Klaus Busch, Wolfgang Schöller oder Frank Seelow zutiefst anerkannt und als Vorbild wahrgenommen worden.

Ich habe ihn als Student während der Studentenbewegung, als Teilzeitassistent in den siebziger Jahren und teilweise in den achtziger Jahren so erlebt. Seine ebenso souveräne wie generöse Haltung erfuhr ich (zusammen mit einigen Mitstudierenden wie Jürgen Treulieb) inmitten der Studentenbewegung in einem Konflikt mit ihm. Als es im Wintersemester 68/69 wegen der Relegation von Studenten der Film-und-Fernseh-Akademie zu einem entschiedenen Streik kam, haben wir Studierende auch durch die Störung des Unterrichts auf diese Provokation aufmerksam zu machen versucht. Dies wurde von Franz Ansprenger der Universitätsspitze gemeldet. Dass daraus über die umstrittene Entscheidung des Ordnungsbeauftragten an der Freien Universität, Blaesing (er war Militärrichter während des Dritten Reichs aktiv und auch deswegen umstritten) unversehens für uns eine mehrsemestrige Relegation resultierte, war dies nicht nur nicht die Absicht Franz Ansprengers, sondern er hat diese weitreichende Entscheidung voller Empörung öffentlich kritisiert und uns de facto Solidarität gezeigt. Es mag auch mit den öffentlichen Reaktionen auf diese Relegation zu tun haben, dass diese alsbald durch einen Gerichtsbeschluss  als verfassungsfeindlich aufgehoben wurde. Das ist eine meiner ältesten Erinnerungen an ihn: Er war  korrekt und auch wohl empört, dass sein Unterricht gestört wurde – und zugleich einer, der alles andere als eskaliert, vielmehr integriert hat.

Als ich Anfang der Neunzigerjahre auf Dauer ans Otto-Suhr-Institut zurückkehrte, wurde er gerade pensioniert. Wie wichtig uns auch danach seine Afrika-Wissenschaft war, zeigt sich darin, dass wir – obwohl vergeblich – gegen die restriktiven Mühlen aus dem Präsidium der Universität ein Jahrzehnt versucht haben, den Lehrstuhl für Afrikawissenschaft zu retten und wieder neu zu besetzen. Zwar kam es zu vernünftigen Kompromissen, unter anderem durch die mindestens fünfjährige Dozentur seines Schülers, Professor Kum’ a Ndumbes. Erst sehr viel später haben sich angesichts der unübersehbaren Dringlichkeit der politikwissenschaftlichen Beschäftigung mit dem afrikanischen Kontinent Wissenschaftler am Otto-Suhr-Institut der unterschiedlichen Thematiken etwa zur Armut Nordafrikas oder zur Eindämmung der Konfliktpotenziale in Afrika zu widmen begonnen.

Franz Ansprenger war ein souveräner Wissenschaftler, ein großzügiger Mensch und darin ein Vorbild auch für seine Kritiker. 

Hajo Funke

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