Brumlik|Erfahrene Psychoanalyse – dialogisch !


M.Brumlik

Erfahrene Psychoanalyse – dialogisch !

Erinnernde Berichte über tiefenpsychologische Behandlungen, vor allem über klassische Psychoanalysen sind ein Genre, das seine eigenen Klassiker hervorgebracht hat: z.B. Tilman Mosers 1974 erschienenes Buch „Lehrjahre auf der Couch“.  Nicht selten stellen derlei Berichte mehr oder minder verbitterte Abrechnungen über enttäuschte Erwartungen dar. Das gilt für die  hier anzuzeigende Neuerscheinung nicht. Sie  unterscheidet sich von den meisten Publikationen dieser Art dadurch, dass hier nicht ein erzählendes  Ich im Rückblick seine Erfahrungen reflektiert, sondern dass in diesem Buch beide , Analysandin und Analytiker,  – gerade ebenso wie in der Behandlung  -diesen Rückblick gemeinsam dokumentieren. Dabei gilt freilich, was schon früh seitens des Analytikers festgehalten wird: „Nicht alles, was in der Analyse gesagt werden kann, kann auch aufgeschrieben werden und damit vielen zugänglich gemacht werden. Die Analyse bleibt damit einmalig individuell.“ Gleichwohl gelingt es den AutorInnen zugleich,  eine allgemeingültige Darstellung dieses einmalig dialogischen Geschehens zu schaffen. Worum geht es? Annelie Sand, eine bekannte Jugendbuchautorin, nahm zunächst auf Empfehlung ihres Hausarztes eine Verhaltenstherapie auf, um sich schliesslich – nach nicht geringen Konflikten und durchaus erheblichen Zweifeln –  auf eine Psychoanalyse klassischen Stils einzulassen.  Das bedeutete nichts anderes, als  dass die Patientin über Monate und Jahre hinaus dreimal die Woche fünfzig Minuten auf einer Couch lag, ohne den hinter ihr in einem Sessel sitzenden Analytiker sehen zu können. Bei dem Analytiker handelt es sich in diesem Fall um den bekannten, auch psychosomatisch versierten Psychiater Paul L. Janssen,  der bereits vor einigen Jahren eine anregende Berufsbiographie publiziert hat.

Der von Sand und Janssen gemeinsam publizierte Band wirkt nicht zuletzt deshalb so anregend, weil in ihm unterschiedlichste Textsorten auf anregendste Weise aufeinander treffen : Tagebuchaufzeichnungen der Patientin, darunter das eine oder andere Gedicht,  sodann  direkt aufeinander abgestimmte schriftliche Erinnerungen an einzelne Analysestunden mit den eher nüchternen Kommentaren des Analytikers.  All dies in insgesamt 44 bestens und – ja !- unterhaltsam lesbaren Kapiteln sowie – am Ende –  einer farbigen „Landkarte einer Psychoanalyse“, die zu verstehen ein Vergnügen eigener Art ist.  Nicht zuletzt wird die Dialogizität des Prozesses auch daran deutlich, dass die Tagebuchaufzeichnungen und Kommentare von Sand sowie die Stellungnahmen ihres Analystikers alle in unterschiedlichen Schrifttypen gesetzt sind – auf diese Weise können LeserInnen sich jederzeit orientieren, um welche Phase der gemeinsamen Erinnerungen es geht. 

Auf jeden Fall zeigte sich bald, dass der kausale Grund aller Störungen der Patientin eine im Alter von vierzehn Jahren erfahrene Vergewaltigung durch einen vier Jahre älteren „Verehrer“ gewesen ist – eine traumatisches Erlebnis, dessen Nichtkommunikation mit den Eltern des Opfers verstärkend wirkte und das in einer „Sprechkur“ (S.Freud) zu heilen, nicht eben einfach war.

Das dialogisch gehaltene Buch macht in seinen Rahmen- und Randbemerkungen bald klar, wie es zu dieser ausserordentlichen Veröffentlichung kam: gegen Ende der Analyse beschloss Janssen, die Stadt, in der er bisher wohnte,  aus Altersgründen zu verlassen,  aber gleichwohl noch dreimal die Woche in die gewohnte Praxis zu kommen. Die sich darüber entspinnende Debatte mit Annelie Sand führte schliesslich zu dem gemeinsamen Entschluss, ihre gemeinsamen Jahre im Rahmen schriftlicher Erinnerungen noch einmal reflexiv durchzugehen. Worum es bei alledem grundsätzlich ging, schrieb Janssen zu Beginn des 32.sten Kapitels, das die Überschrift „Die passenden Worte“ trägt: „In diesem Buch geht es um die duale Beziehung zwischen Analysanden und Analytikern, die auch das „analytische Paar“ genannt werden. In diesem Kapitel soll die Beziehung zwischen Ihnen und mir besonders auf der Basis unserer gemeinsamen Erfahrungen in unserer Zusammenarbeit dargestellt und sprachliche Probleme benannt werden, die wir als analytisches Paar mit dem Finden der richtigen Worte hatten.“

Die hierauf  unmittelbar folgenden Tagebuchaufzeichnungen  belegen das drastisch,  während die Kommentare des Analytikers professionell und höchst nüchtern klingen. Dabei wirken manche Kommentare wie aus dem Lehrbuch,  wenn nicht gar wie aus einer Karikatur, etwa wenn der Analytiker eine Traumerzählung über Käfer so kommentiert: „Sie haben sich mit den vorwärtskämpfenden Käfern identifiziert, da Sie sich selbst wohl manchmal wie ein Käfern fühlten, der sich bemüht, aber dennoch nicht ankommt.“

Gleichwohl ist dies Buch von einem stillen Humor getragen, der sich vor allem dem Erzähltalent der Autorin sowie ihrer Fähigkeit, Erfahrungen in kleine Gedichte zu kleiden, verdankt – etwa zu Beginn des 16. Kapitels, das dem Thema „Entspannung“ gilt:

Einmal, als das Unbewusste/wieder mal beweisen musste,/das es alles besser wusste,/lag ich grade auf der Couch. /Sprach von schmerzendem Verluste,/den ich überwinden musste./Längst auch überwunden wusste.!/ So mein Reden auf der Couch./ Doch was tat das Unbewusste?!/Kribblig ich gleich knibbeln musste/ an’ ner frischen Wunde Kruste-/und spontan entfuhr mir: „Autsch!“

Dies Buch ist jedem und jeder zu empfehlen, der/die  auch immer eine Analyse hinter sich hat, in entsprechender Ausbildung ist oder den Gedanken erwägt,  sich .einer psychoanalytischen „Liegekur“ zu unterziehen: So  methodisch reflektiert,  individuell verantwortet, aber doch alles in allem kurzweilig und  unterhaltsam wie in diesem Buch wird man nur selten über dies nun mehr als hundert Jahre alte Heilverfahren informiert.

A.Sand/P.L.Janssen, Ich bin der Rede wert. Dialog über eine Psychoanalyse. Gießen:Psychosozial-Verlag 2020, 307 Seiten € NN

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