Mein Vater und der Krieg – Ein Auszug aus Hajo Funke: „Der Schatten der Geschichte. Eine andere Erinnerung. Berlin 2008“


Mein Vater und der Krieg

Der Anlass: Achtzig Jahre nach 1933 – 70 Jahre nach der Rosenstrasse gegen die Deportation Berliner Juden

Ein Auszug aus Hajo Funke: „Das Otto-Suhr-Institut und der Schatten der Geschichte. Eine andere Erinnerung. Berlin 2008“

An einer der unentdeckten Buchten des Atlantischen Ozeans in der Nähe von New York. Judith Kestemberg

In einem großzügigen Landhaus an einer der unentdeckten Buchten des Atlantischen Ozeans in der Nähe von New York  besuchte ich die Kinderpsychoanalytikerin Judith Kestenberg. Sie hatte Mitte der 80er, sie war weit in den Siebzigern, in ihrem mehrgeschossigen Landhaus gleich mehrere wissenschaftliche Mitarbeiter und Sekretäre beschäftigt, die mit an ihrem Lebensprojekt arbeiteten: wie es den zweiten Generationen – Juden wie Nichtjuden –  ergangen ist. Überall Manuskripte, Aufsatzentwürfe, Interviewtransskripte. Wir hatten uns verabredet, um über ihre andere Erinnerung zu sprechen. Sie kam aus einer polnisch-jüdischen Familie im polnischen Tarnow und hatte als Kind, wie sie beschrieb, die Sehnsucht nach Emanzipation und Studium in einer der großen Kulturstädte der Welt: In Wien. Es gelang ihr nach Wien zu kommen und auch Psychoanalyse zu studieren und wie Marie Jahoda das wunderbare sozialistische rote Wien zu erleben. Jene kurze Phase des Wiener Stadtlebens in den 20er Jahren, in der der Ausgleich zwischen Arm und Reich tatsächlich in einer eindrucksvollen Stadtpolitik erreicht werden sollte. Sie schaffte es, wie Marie Jahoda, vor dem Angriff Hitlers auf Österreich in die Vereinigten Staaten zu emigrieren. In New York wurde sie Teil des großen Projekts der 50er Jahre zur Kinderanalyse – inspiriert von Margret Mahler und Erik Erikson. Sie konzentrierte sich später auf die Abgründe der Erziehung im Nationalsozialismus und auf die Frage, ob die besondere nationalsozialistische Todessehnsucht auch auf die nächste Generation ausgestrahlt hatte. „Sie wollten doch den Tod ihrer eigenen Kinder !“

Ich war kaum über die zweite Frage in meinem Interview gelangt, als sie das Gespräch resolut umdrehte und die nächsten eineinhalb Stunden mich befragte: Sie sind noch im Krieg geboren. Wie war das bei Ihnen? Das Verhältnis zu ihrem Vater? Er war doch mit dem Krieg verbunden. Konnte er sie erziehen? Oder war seine Erziehung überschattet von der nationalsozialistischen Ideologie, den Kriegserfahrungen und den Todessehnsüchten, die mit dem Nationalsozialismus verbunden waren ? Ich antwortete und erzählte, wie ich die späten vierziger und fünfziger Jahre erlebt hatte. Meinen Vater, einen begeisterter Wehrmachtoffizier und die gedrückte Stimmung in Familie und Umfeld. Judith Kestenberg hatte meine Kindheit auf einen neuralgischen Punkt gebracht: Zwar ging es nicht mehr um die (Selbst-)Zerstörung von Familie und Gesellschaft wie im Nationalsozialismus. Aber einen positiven Begriff eines entspannten Zusammenlebens gab es, wenn, nur in Ansätzen.[1]

Diese Bedrückung lag in erster Linie an meinem Vater, der sehr charmant sein konnte, als Jugendlicher in die HJ eintrat, sich mit dem NS identifizierte und nach seinen Erfahrungen an der Ostfront ganz offenkundig „seelisch verwundet“ blieb. Ich erlebte ihn als freundlich umsorgenden Vater, der mir einen kleinen roten Tisch – ich erinnere es, als wenn es gestern wäre – bastelte, an dem ich meine ersten Buchstaben zu malen lernte. Ich litt mit ihm, wenn er von seinen furchtbaren Erfahrungen sprach, dem Tod seines nächsten Kameraden. Ich hasste ihn, wenn er von seinen grausamen Attacken auf alles, was von ihm abwich nicht abließ: die Zigeuner, die Juden, seine Frau und mich und meinen Bruder. Je weniger ich dies aushielt, desto mehr zog ich mich zurück. In die Natur, die Bücher, in religiöse Inbrunst, zu den Pfadfindern, erst sehr viel später zu den Mädchen. Und ich sprach mit ihm, erst weil er mich mit seiner Lektüre von Max Frisch oder Camus intellektuell herausforderte, dann immer wieder im Streit im Grunde um alles in der Welt. Und das fast 40 Jahre lang.

Hans (Johannes) Funke war im Januar 1917 in dem kleinen schlesischen Ort Eckersdorf, nicht sehr weit von der polnischen Grenze geboren. Er hatte sich nach allem, was wir wissen, als jüngster Sohn eher von den älteren Schwestern als von seinem älteren Bruder und schon gar nicht von seiner Mutter angenommen gesehen. Bis 1927 im Elternhaus, danach Besuch des humanistischen Gymnasiums in Glogau und danach in Breslau im bischöflichen katholischen Knabenkonvikt untergebracht. Sein Vater ist seit 1926 mit einem schweren Schlaganfall bettlägerig und er an dem Verkauf von Lebensmitteln aus dem Garten beteiligt. In Glogau sieht sich der 10jährige isoliert. Er geht dort hin, weil sein älterer Bruder dort studiert. Auch im katholischen Knabenkonvikt in Breslau, das autoritär geführt wird. Als 16jähriger wird er vor allem  durch seinen nächsten Freund begeisterter HJ-ler – er tritt am 1.Mai 1933 in die HJ ein, später wird er sagen – gezwungen. Als er 18 ist, tritt er in die Partei ein. Wiederum, so vor dem Entnazifizierungsausschuss: ohne freie Entscheidung. (Er war seit dem 1. Mai 1935 Mitglied der NSDAP, sein älterer Bruder 2 Jahre später). 1936 macht er Abitur und geht an die katholische Hochschule für Lehrerbildung in Beuthen. Nach 4 Semestern Staatsprüfung. Während des Studiums ist er „automatisch“ im NS-Hochschulbund. Von April 1938 bis September 1938 ist er im Reichsarbeitsdienst und meldet sich freiwillig zur Wehrmacht, in der er ist, bis er sieben Jahre später – im März 1945 verwundet wird. Er schreibt:

„Vom 19.11.1938 bis 14.8. (!) 1945 Wehr- und Kriegsdienst“,

19.8.1938 bis 1.8.1939 4./ar.44 Neiße . „Ein Einsatz in der Tschechei“. Ausbildung. Grund ….1.8.39 bis 20.5.40 4./ar44 (Artillerieregiment?) Neiße, Hauptmann Dr. Stefan. Als Gefreiter, als Rechner „Ich nahm am 1.9.39 beim 4. Artillerieregiment 44 unter Hauptmann Dr. Stefan als Gefreiter  am Polenfeldzug teil. Nach einem Einsatz in Gleiwitz begann der Einmarsch in Südpolen im Rahmen einer motorisierten Einheit Vorauskommando, die vor der HKL Hauptkampflinie operierend in Richtung der Flüsse San und Bug vordrang. Noch vor Ende des Polenfeldzugs wurde die Artillerieeinheit herausgenommen und kam über Gleiwitz nach dem Westen (Düren)“. Er erwirbt im Polenfeldzug EK1 und EK2. Während der Vorauskommandoaktion entdeckt er von der Gegenseite vergrabenes Kartenmaterial, das seiner Erachtens den Polenfeldzug in der Region enorm beschleunigt. 1.4.40 bis 20.5.40 schwere Artillerieersatzabteilung 54 in Glogau. 20.5.40 bis 9.8.40 4. Offiziersanwärterlehrgang, Artillerieschule Jüterbog unter Hauptmann Liebig. 9.8.40 bis 22.8.42 schwere Artillerieersatzabteilung 54 Glogau-Hagenau. 10.8.40 bis 25.3.41. 25.3.1941 bis 15.4. 1942 Heeresunteroffizier Vorschule Frankenstein.? 16.4.42 bis 1.8.42 Heer. Uffz. Vorsch.-Mewe.

1.8.42 bis 22.8.42 schwere Artillerieersatzabteilung 54 Hagenau.

22.8.42 bis 15.11.43 dritte Abteilung Artillerieregiment 116 Ostfront. Abteilung Adam Leutnant ab 1.11.42. Unter anderen als Beobachter tätig. „Ich war vom 22.8.42 bis 19.12.43 in Russland Abschnitt Mitte als Oberleutnant und Batterieführer bei III ar 116. Die 5. Panzerdivision wurde als Feuerwehr bei Kesselschlachten eingesetzt. Einsatzbereich lag im Norden zwischen Smolensk, Vjasma, Brjansk und kurz vor Moskau, ferner am Fluss Desna und den Partisaneneinsätzen (in den Pripjet-Sümpfen), im Süden Brjansk, Orel und Kaluga. Mein letzter Einsatz: als Offizier abkommandiert zum Marsch des Divisionstrosses quer durch die Pripjet-Sümpfe von Süd nach Nord – Dorf Blaguscha.

Dabei Einsatz als Batterieführer: 18.1.43 bis 20.1.43 8./ar 116, 10.2.43 bis 20.2.43 8./ar 116, 8.4.43 bis 25.5.43 7./ar 116,  23.6. bis 21.8.43 8./ar 116, 10.8.44 bis 26.8.44 1./ar 116. Leutnant ab 1.11.40, Oberleutnant ab 1.11.42. Verpflichtung in den aktiven Offiziersstand ab 23.1.43. 1943 auch im Divisionsstab der 5. Panzerdivision. 15.11.43 bis 19.12.43 Divisionsstab 5. Panzerdivision Ostfront) (19.12.43 bis 11.1.44 Führer- Reserve. OKH.  V. Gen. Kommando. VIII AK.

Durch Führerbefehl im Dezember 43 nach Breslau.  (11.1.44 bis 1.9.44 Führer-Reserve OKH 1. Artillerieersatzabteilung 116 Oppeln) 2.9. bis 8.9.44  in G. (Westfahlenhof). 9.9.44 bis 5.3.45 Regimentsadjutant AR 340. 2Ich war vom 3.9.44 bis 5.3.45 als Batterieführer und Regimentsadjutant beim AR 340 unter Major Beermann (Fritz Beermann) an der Westfront eingesetzt. (als Dokument)

5. oder 8.3.45 Verwundung und Lazarett Carentan. Noch in den neunziger Jahren war er mit der Rekonstruktion seines letzten militärischen Einsatzes beschäftigt:

„Auf der Fahrt zu einem Rapport bei General von Rothkirch besuchte ich unsere schwere Abteilung. Dabei bemerkte ich, dass das Dorf, in dem der Gefechtsstand lag, unter ständigem Beschuss lag. Um genaue Auskunft der Lage zu bekommen, schickte ich meinen Fahrer, der als äußerst routinierter galt, in Richtung auf den Wald, aus dem der Beschuss kam. Er kam unverletzt in dem zerschossenen Fahrzeug zurück. Auf alles, was sich auf der Dorfstraße bewegte, setzte ein Trommelfeuer ein. Um einen Lagebericht geben zu können, musste ich die Straße überqueren und wurde dabei durch Explosivgeschosse und Granatsplitter schwer verletzt. Herr Fritz Beermann schrieb am 29.9.46: Rückschauend kann man nur sagen, … dass sowohl Sie als der Anfertiger … wie auch General von Rothkirch als der Forderer dieses unerhört wichtigen Zustandsberichts an ein und dem selben Tage in Gefangenschaft geraten sollten.“ „Kurz nach meiner Verwundung habe ich einen Lagebericht an meinen Divisionskommandeur General Tolkstorff gegeben. Das Dorf und das umliegende Tal  wurden von amerikanischen Panzern erobert. Ich kam in amerikanische Gefangenschaft und habe bis auf drei Briefe von Herrn Beermann keine Verbindung.“ „Ich bin am 3. oder 5.3.45 beim Rückzug der Westfront ca. 100 km südwestlich von Remagen durch amerikanische Truppen schwer verwundet und in Gefangenschaft genommen worden. Dabei wurden mir alle schriftlichen Unterlagen abgenommen. Ich habe seitdem keine Verbindung mit meiner früheren Truppe. (Geschrieben am 1.11.1997) Ich wäre sehr dankbar, wenn ich etwas über das Schicksal folgender Personen erfahren könnte. Fritz Beermann, damals Oberstleutnant und Kommandeur des AR 340 (Fritz Beermann Junior Hamburg Fuhlsbüttel, Hermann-Landsweg 68), General Theo Tolkstorf (oder Tolxdorf) gebürtig aus Ostpreußen, Träger höchster Auszeichnung, vielfach verwundet.)

 

Begeistert nationalsozialistisch – und begeistert entnazifiziert.

Früh getrennt von seinen Eltern, von einer distanzierten Mutter und einem bettlägerigen schwerkranken und oft aggressiven Vater fühlt er sich weder in Glogau noch im autoritär katholisch geführten Konvikt in Breslau wohl. Und in jedem Fall nicht zu Hause. Umso mehr stützt er sich auf seinen besten Freund, der früh zur HJ stieß, dem er dann begeistert folgt. Dann trit er wie erwähnt – ein Jahr vor dem Abitur – in die NSDAP ein. Er sei, schrieb er, in den Entnazifizierungsbegehren, dazu gezwungen worden. Dafür spricht aber wenig, am wenigsten seine eigene Begeisterung, die er wieder und wieder uns Kindern mehr oder weniger direkt und jedenfalls auf Nachfragen anvertraut. Als er Ende Februar 1944 heiratet, tut er das in für die katholische Bauernfamilie seiner Frau befremdlicher weißer Uniform und mit einem Säbel als Ausdruck der Wehrhaftigkeit des nationalsozialistischen deutschen Reiches. Gewiss, nach dem Krieg folgte er Adenauer, wohl auch weil dieser dafür sorgte, dass die Entnazifizierung problemlos ablief. Auch für ihn, der nun schrieb, dass seine Identifizierung mit der nationalsozialistischen Organisation der Hitler-Jugend und der NSDAP ihm aufgezwungen worden sei:

Während meiner Schulzeit wurde ich gezwungen der HJ beizutreten. Als Mitglied der HJ erfolgte mit dem vollendeten 18. Lebensjahr im Jahre 1935 ohne freie Entscheidung automatisch die Übernahme in die Partei. Seit meinem Eintritt in die Wehrmacht (Militärdienstpflicht) – Herbst 1938 – ruht die Mitgliedschaft in jedem politischen Verband. Pfarrer Muschalek aus Guhrau, Bezirk Breslau, jetzt Pfarrer in Gräfenroda, Thüringen wird zu jeder Zeit ein sicheres Urteil über meine politische und religiöse Einstellung abgeben“.

„Als Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde Guhrau, Bezirk Breslau, bescheinige ich, dass mir … zur Zeit E. Kreis Cloppenburg seit langem bestens bekannt ist. Als Schüler im Alter von 16 Jahren besuchte er das Sankt Matthias Gymnasium in Breslau und wohnte bis zum Abitur im erzbischhöflichen Knabenkonvikt in Breslau. Ende 33 trat er in die HJ ein und wurde mit Erreichung des 18. Lebensjahres in die Partei übernommen … stammt aus einer treu katholischen Familie. Er selbst und seine Angehörigen haben die weltanschaulichen Irrtümer des Nationalsozialismus stets abgelehnt. Als Mensch zeigt er sich stets hilfsbereit und entgegenkommend und ist seinen Pflichten als Katholik auch in der Zeit seiner Zugehörigkeit zur Wehrmacht in mustergültiger Weise nachgekommen. Ein politisches Amt hat er nicht bekleidet und ist auch sonst politisch nicht hervorgetreten.“(Pfarrer Maschulek)

„Seit Jahrzehnten kenne ich die Familie F. Sein Vater war Lehrer und Organist im Dorfe Eckersdorf im Grenzkreis Namslau/Schlesien. Er erfreute sich bei allen Guten seiner Gemeinde wie auch bei seinem Vorgesetzten großer Hochachtung und er war einer ganzen heranwachsenden Generation der gediegene Lehrer und erfahrene Führer im Leben im Geiste christlicher Verantwortung und wahrer Volksgemeinschaft. Diese Haltung pflegte er auch im Geiste seiner Familie. Seine Söhne brachte er in christlichen Internaten in Breslau und Glogau unter, um ihnen eine gediegene christliche Lebenshaltung zu gewährleisten. Sein Sohn H. zur Zeit Lehrer in E. wurde nach dem allgemeinen Brauch der Nazizeit bei Erreichung des Alters ohne persönliche Befragung summarisch mit anderen Altersgenossen zum PG. Dieser zwangsläufig erfolgte Beitritt hat ihn jedoch innerlich nicht berührt oder gar veranlasst, sich für das Hitlerregime irgendwie aktiv einzusetzen. In diesem Sinne war es ihm geradezu erwünscht, dass er um diese Zeit Soldat wurde und ins Feld kam. Nach seiner glücklichen Rückkehr ist es sein ganzes Bestreben, sich mit all seiner Kraft und Begeisterung in der Dienst der ihm anvertrauten Jugend zu stellen und nach bestem Können mit frohem Eifer die schwere Aufbauarbeit zu leisten.“ (Pfarrer Jendritzki Sieversdorf Kreis Ruppin)

Und dann findet sich ein Leumundszeugnis von A. S. aus Ankum vom 18. Juni 47 in seinen Dokumenten: „Ich erkläre an Eidesstatt, dass er nie aktiv an der Nazibewegung teilgenommen hat. Ich selbst war weder Mitglied der Partei noch einer der NS Organisationen.“ Und P.S. aus Bernburg an der Saale, erklärt an 1.8.47: „Ich erkläre an Eidesstatt, dass er sich nie aktiv als Nazi betätigt hat. Ich selbst bin nie Mitglied der Partei oder einer ihrer Gliederung gewesen.“ Ein J.W. Pfarrer erklärt am 3.2.1947, er sei überzeugt, dass er vom Geiste des Nationalsozialismus nicht infiziert ist. Am 21. Dezember 48 erfolgt vom niedersächsischen Minister für die Entnazifizierung laut Entnazifizierungsstempel des Landkreises Cloppenburg vom Vorsitzenden des Entnazifizierungsausschusses F. Wichmann die positive Entnazifizierungsentscheidung im schriftlichen Verfahren: Der Überprüfte ist entlastet. Johannes Funke ist im Herbst 33 der HJ als Mitglied beigetreten. Seine Mitgliedschaft zur HJ, die eine rein nominelle war, blieb bis zum Jahre 35 wirksam. Dann erfolgte die automatische Eingliederung in die NSDAP. Er hat dort weder Amt noch Rang bekleidet. Von 36 bis 38 hat er dem NSDSTB angehört. Sämtliche Mitgliedschaften haben seit 38 geruht, da der Wehrdienst abgeleistet wurde. Er hat den Nationalsozialismus abgesehen von den pflichtgemäßen Mitgliedschaften nicht unterstützt. Die Entlastung und Einstufung in Kategorie 5 ist daher gerechtfertigt.“

 

Er bestritt, während der Zeit des Nationalsozialismus je von den Massenermordungen der Juden in den Konzentrationslagern erfahren zu haben. Er glaubte sich im Recht, auch zu jenen Brennaktionen in Blaguscha und der Erteilung des Befehls zum „Gnadenschuss“ eines verletzten älteren Mannes, den man in einer der verbrannten Hütten aufgegriffen hatte. Er sah die Partisanenbekämpfung als notwendig an. Wie den Krieg überhaupt, vor allem gegen Polen, aber auch gegen die Sowjetunion, weil diese unmittelbar Heimat, Vaterland und Familie bedroht. Sein älterer Bruder, der Rechtsanwalt im nahe Auschwitz gelegenen Kattowitz war, hat nie wirklich über das, was er vermutet und gewusst hat,  berichtet – nur auf einer der späten Familientreffen mit einem eindeutigen Hinweis auf seinen Geruchssinn davon, dass man das, was in Auschwitz passiert, riechen konnte und er es so wusste. Die Familie seiner Lieblingsschwester hat reagiert: die älteste Tochter damit, dass sie entsetzt war, dass in Guhrau (meinem Geburtsort) der Laden, in dem es Süßigkeiten und Spielzeug gab, plötzlich geschlossen war und die älteste Tochter, als sie mit den Kindern spielen wollte, von der Mutter leise, aber entschieden weggezogen wurde: Psst, nicht drüber reden, hieß es. Der Laden war verschlossen. Er gehörte Juden. Sie waren abgeholt worden. Ihre Mutter hatte hinter verhangenen Fenstern sehen können, wie die rund 40 Juden des Ortes abtransportiert wurden. Ihr Mann aber, mein Onkel, hat sich im christlich kritischen Kreis am gleichen Ort sonntagsabends konspirativ getroffen und religiöses und politisches besprochen. Ich werde nicht erfahren, ob mein Vater je von diesen Einlassungen gewusst hat. Sicher ist, dass er „auf einem anderen Planeten“ (Höss): des Kampfes der Wehrmacht gegen die Feinde – war, diesem Kampf sich bis zu seiner Verwundung gewidmet  und selbst diese Verwundung noch im Dienste der Sache interpretiert hat.

Für meinen Vater war das Leben danach wie abgetrennt. Außerordentlich ehrgeizig betrieb er die Karriere eines Aufstiegs im Schuldienst und erreichte schließlich den Status eines Oberstudienrats. Aber die Identifizierung mit dem Nationalsozialismus wie die Wut und latente Verzweiflung über das Scheitern des NS blieb präsent.

Gewiss, es gab Zeiten und Situationen, in denen er über die Lektüre von Max Frisch oder Albert Camus nachdenklich wurde. Aber die Schärfe seiner Invektiven gegenüber dem, was nach 45 war, bei aller Identifizierung mit Adenauer, .ließ uns ahnen, dass er innerlich seine Identifizierung mit dem nationalsozialistischen Sonnenstaat, wie er ihn sah, nie wirklich aufgegeben hatte. Und genau dies teilte er kurz vor seinem Tod, an jenem langen Wochenende mit, als er begeistert sich mit der politischen Religion des Nationalsozialismus noch einmal einverstanden erklärte.

 

Anerkennung des Irrationalen. Auf der Suche nach einem  völkischen Eichendorff

1946. Unmittelbar nach Kriegsende schrieb mein Vater seine Abschlussarbeit über Eichendorff. Es ist ein in seinen Spannungen beeindruckendes Dokument, das ich zufällig 2007 fand. Eichendorff, das wussten wir, war sein Lieblingsdichter. Und in diesem Text versenkte er sich zunächst vor allem in die Lyrik über eine Natur, die mein Vater gleichermaßen liebte, wie er bekundete: Seen- und Waldlandschaften südlich von Breslau hin zum Riesengebirge. Er zeichnete den eigentümlichen Zauber, mit der die Romantiker seinerzeit Natur sahen und erfühlten, nach. Viele der schönsten Lieder sind von Romantikern, nicht nur von Eichendorff, sondern auch etwa von Armin und Brentano (Des Knaben Wunderhorn) verfasst worden. Eichendorffs Religiosität sei nicht nur naturhaft oder naturbezogen, sondern authentisch katholisch religiös. Distanz gegenüber dem Rationalismus der Aufklärung sei die Basis, auf der er Seelenkräfte und Gefühlswelten entdeckt habe, die mein Vater dem barocken Geist des Südens gegen den nordischen Protestantismus zuordne und bei der er sich hier auf die Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bezieht. Schließlich ordnet mein Vater Eichendorff in den Abwehrkampf gegen Napoleon (zusammen mit Fichte und anderen) ein. In Eichendorffs Roman aus dem Jahre 1811 Gegenwart und Ahnung spreche dieser eher ahnend und raunend vom Kampf mit dem Schwert. „Eichendorffs Roman spiegelte die ganze Gegenwart der Romantik wieder und war doch zugleich eine Weiterführung in die Zukunft. Er sah mit innerer Notwendigkeit, wie der Abfall des Individuums von der überlieferten hohen und heiligen Bildung und Kultur zum Krieg führen musste: „Denn wo ist in dem Schwalle von Poesie, Andacht, Deutschheit, Tugend und Vaterländerei … ein sicherer Mittelpunkt, aus welchem alles dieses zu einem klaren Verständnis, zu einem lebendigen Ganzen gelangen könnte?“ (Eichendorffs Werke: Band 1 Teil 2, Seite 274) „Alles weist wie mit blutigem Finger warnend auf ein großes unvermeidliches Unglück hin. Unsere Jugend erfreut kein sorglos leichtes Spiel, keine fröhliche Ruhe, wie unsere Väter uns hat früher der Ernst des Lebens gefasst. Im Kampf sind wir geboren, und im Kampfe werden wir überwunden oder triumphierend untergehen.“(ebd. 278) Und mein Vater fügt an: „Doch keine Resignation, sondern Neubau mit dem Kreuz als Schwert sollte die Lösung sein.“ (Seit 63).

Natur und Romantik stehen meinem Vater zufolge auch bei Eichendorff im Dienste eines Höheren: Der Rettung der nationalen deutschen Seele – und führten so über die Romantik in den politischen Auftrag der Rettung des Vaterlandes. Meinem Vater zufolge begann der Einfluss der jüngeren Romantik bereits 1807 mit vor allem dem Heidelberger Görres. „In zwei Richtungen wirkte Görres auf Eichendorff ein: 1. in der Verehrung der völkischen Kultur und des völkischen Lebens. Görres erkannte, dass die Deutschen zu dem Eigensten und Würdigsten zurück finden mussten. Was er meinte, zeigte seine Schrift „Die Teutschen Volkslieder“, die er 1807 herausgab. … 2. Wirkte Görres auf Eichendorff durch seine Einstellung zum Leben. Lassen wir Eichendorff selbst sprechen, um zu erkennen, welche Stellung er für ihn hatte. „Und als es nun endlich zu Handeln galt, trafen Görres .. und andere der Besten an die Spitze der Jugend ..“ (Eichendorffs Geschichte Seite 310).  Eichendorff wende sich gegen die scheinbare Welt (der Romantik) für die wirkliche Welt (von Görres und Brentanos und Arnims). Denn Brentano habe ein außerordentlich feines Einfühlungsvermögen besessen und zutiefst das Wesen der deutschen Volkseele in den Volksliedern erschlossen eine und zu ihrer Wiederbelebung wie kein anderer beigetragen. So war er „der Entdecker der Rheinromantik und der Schöpfer der Loreley Sage, deren volkstümlicher Inhalt auch Eichendorff bis zum Alter bewegte“ (56). Mein Vater betont, wie sich Eichendorffs Stellung zum Politischen mit seiner Übersiedelung nach Berlin weiter forcierte. Dort stieß er zu dem Kreis von Berliner Romantikern, unter anderem um die Berliner Abendblätter. Und diese zeigten, so mein Vater den starken Ruck, „den die romantische Bewegung durch die französische Unterdrückung ins politische und aktivistische genommen hatte. Kleist und Arnim erhofften die Rückgewinnung der politischen Freiheit von einem Leben, das durch die Strömungen der Romantik und Naturphilosophie gegangen war.“ Auf einem anderen Wege glaubte Fichte, dessen philosophische Vorlesung Eichendorff besuchte, dasselbe Ziel zu erreichen. Er sah das beste Mittel einer in Pestalozzis Sinn durchgeführten Jugenderziehung und hielt seine „Reden an die Deutsche Nation“. Hier empfing Eichendorff die ersten politischen Impulse, die bis in sein Alter in ihm fortwirkten. Der Stimmungswechsel zum Aktiven zeigt sich in den Gedichten. „An die Dichter“ 1809. Der Dichter kann nicht mit verarmen; / wenn alles um ihn her zerfällt, / hebt ihn ein göttliches Erbarmen – / der Dichter ist das Herz der Welt. / Der Ehre sei er recht zum Horte, / der Schande leucht er ins Gesicht!

Mein Vater interpretierte Eichendorff im Kontext der Romantik seiner Zeit konsequent auf einen nationaldeutschen politischen Dichter. Einen, wie er schreibt, völkischen Dichter: „Eichendorffs Stellung zu Brentano und Arnim sehen wir in der Bewunderung, die er ihrer Liedersammlung entgegen brachte. Eichendorff lernte in dieser Sammlung den rhythmischen Charakter des Volksliedes kennen, andererseits wird die Verherrlichung der darin aufgezeigten Volkskräfte dazu beigetragen haben, dass auch er zu den Waffen griff, um bei der Verdrängung des Fremdvölkischen (sic) mitzuwirken (Seite 58) Die nationalromantische Ausdeutung verschärft schließlich mein  Vater durch entsprechende Interpretationen von Eichendorffs Lyrik schon aus dem frühen 20. Jahrhundert. Er greift die Ideen Josef Nadlers über Eichendorffs Lyrik (Prag 1908) auf und führt mit ihm die „epochale Erscheinung der Romantik auf einen völkischen Gesichtspunkt zurück und sieht mit Nadler in ihr einen Ausdruck der Sehnsucht „der neuen Stämme“ nach der einst besessenen kulturellen Fülle der im Ausgang des Mittelalters verlassenen „alten Stämme“. (73) Und fügt diesem dann ein antiintellektuelles Element bei, das ich glaube in seinen Äußerungen insbesondere der 60ziger Jahre wieder entdeckt zu haben, wenn er weiter schreibt: „Sollte dieser Grund zum Beispiel ausschlaggebend sein für die Fülle und Tiefe der gerade in der heimatlichen Natur wurzelnden Lyrik Eichendorffs? Lag überhaupt dem Durchbruch der irrationalen Werte ein Sehnsuchtsmotiv allein zugrunde, oder ist ihn nicht viel mehr auch eine gesunde Auflehnung der natürlich empfindenden Seele gegen die übersteigerte Bildungswelt zu erkennen? Gerade wenn ich von der romantischen Erscheinung: Eichendorff ausgehe, möchte ich mich für das Letztere entscheiden. Dann wäre die romantische Sehnsucht in erster Linie auf die Anerkennung des Irrationalen gerichtet und käme nicht aus der Leere, sondern aus der Fülle. Die Kunstwelt des Südens wäre dann nur ein, aber nicht der einzige Gegenstand, der vielen für die Entzündung des Impulses geeignet war. So gesehen kommt in der Romantik das Recht der Seele gegen die Anmaßung des Geistes zum Ausdruck. (73/74). Hans Funke folgt der Dichotomie des völkisch deutschnationalen Denkens: er setzt Seele gegen Geist und Irrationalität als Fülle gegen Rationalität als Leere. Entsprechend sein Resümee: „Dieses Recht der Seele fand bei Eichendorff sein in seiner zeitlosen, gefühlskräftigen Poesie, die gehaltsmäßig aus seinem Glauben der unerschütterlich in seinem Innern verankert war, und aus seiner Naturverbundenheit, die durch die heimatliche Umgebung und die Weite der (…) kontinentalen Landschaftsseele besonders tief wurzelte, entsprang. Und insofern als deutsche Kulturwelt nicht allein Denkklarheit und ausschließlich auf ihr ruhende Formschönheit ist, dürfen wir Eichendorff als einen echt deutschen Dichter und die Romantik als die eigentliche deutsche Kulturströmung ansprechen.“ (74).

Diese deutsche Identität von Heimat, Natur, Glauben und völkischen Stämmen, die er, wie er oft betonte, im 2. Weltkrieg mit glühendem Eifer zu verteidigen meinte, ist eben durch den Krieg vernichtet worden: Hans Funke wörtlich: „Durch den Krieg und seinen furchtbaren Folgeerscheinungen sind für einen großen Teil der deutschen Bevölkerung Heimat und Elternhaus verlorengegangen oder vernichtet worden.“ (74).

Heimat, Elternhaus, Glaube, Naturverbundenheit und völkische Identität sind Hans Funke aber die Kernelemente für Charakter und Harmonie im Individuum wie in der politischen Ordnung. Der mit der Kriegsniederlage eingetretene Verlust an Identität ist konsequenterweise umfassend, ja total: „Sind gerade sie die Heimstätten (Heimat und Elternhaus) für eine charakterliche und harmonische Entwicklung und Erziehung, so ahnen wir, welche Folgen durch ihren Verlust für unser so schwer heimgesuchtes Volk und vor allem für unsere Jugend erwachse. Viele sehnen sich nach Arbeit,  die materielle und seelische Werte schafft, und finden sie nicht. Zum materiellen tritt die seelische Not. Das irdische Dasein verliert mehr und mehr die kostbarste Seite – die Verbindung zum Schönen, zum Ewigen. Ein materialistischer, letzte Werte zerstörender Nihilismus verschafft sich immer breiteren Raum. Das Extreme droht die Oberhand zu gewinnen. Der Kampf um die Existenz sucht die Materien und dann die Arbeit um das Geld zu letzten Werten zu machen. Eine seelische Krise droht und kann nur dadurch verhindert werden, dass noch innere Werte aufleben – Werte, die zweckfrei sind und das Leben erst wirklich lebenswert machen. Der Sinn für das metaphysische, diese in Notzeiten tief innere Freudespendende Quelle, darf nicht versiegen.“ (74/75).

Die Verbindung zum Ewigen aber ist, so kann man mutmaßen, die Fusion bzw. Symbiose von Natur, Heimat und völkischen Stämmen. Sie kann die von der Notlage dieser Zeit ergriffenen Jugend und vom Erlebnis des Krieges vielfach in die Tiefe der eigenen Seelenwelt zurückgestoßene Jugend bereichern, die Leere füllen und die gemütsbildenden Werte aufnehmen. Zur Seele zurückführen, die „wieder auflebt und fortlebt in der deutschen Jugend – im deutschen Menschen.“ (76).

Zwei Wochen vor seinem Tod, im Sommer 1998, hörte ich meinem Vater ein Wochenende lang zu, ohne ihn, was schwer fiel, zu kritisieren. Der Nationalsozialismus war für mich die Hoffnung, die Erlösung  von Arbeitslosigkeit, Armut, den Straßenunruhen. Hitler war der große Einiger Deutschlands. Hitler ist die Antwort auf Versailles: Wenn wir sterben sollen, so, weil wir nichts zu essen hatten, die Franzosen uns die Kohle wegholten (Schlageter). Hitler hat das Volk begeistert. Dem Deutschen Volk drohte Vernichtung und er war die Befreiung. Für meinen Vater gab es „Argumente“, in den Krieg zu ziehen. Er war in Gleiwitz am 1. September 1939, dem ersten Tag des zweiten Weltkriegs „dabei“. Die Polen waren bei uns in Schlesien gar nicht beliebt. Ein polnischer Pfarrer hat meinen Vater von der Kanzel her angegriffen. Deswegen hat er einen Schlaganfall erlitten (1926, als mein Vater gerade 8 Jahre alt war) Seitdem hasse ich die Polen. Sie sind faul, intrigant –  und unser Sieg war eine leichte Sache. Das war mit den Russen anders. Stalin war eine Gefahr. Die Russen waren gefährlich. Die wollten angreifen und uns vernichten. Ich musste meine Mutter, meine Familie, unser Volk vor der drohenden Vernichtung retten. Und wenn ich meine Mutter, meine Familie, unser Volk vor Vergewaltigung retten wollte, dann war der Krieg gerechtfertigt. Außerdem: Stalin hat noch mehr auf dem Gewissen als die anderen.  Und er hätte noch mehr ermordet, wenn wir nicht gewesen wären. Dabei sind wir heute das einzige Volk, das von Schuld, Schande und Scham redet, vor allem gegenüber den Juden. Dabei haben alle was gegen Juden gehabt. Frag mal die Bauern. Auch in ihren Theaterstücken. Die haben den Bauern doch den Hals abgeschnitten. Das war das Kapital. In Krakow konnte man nicht ins Judenviertel gehen, weil man mit Messern angegriffen wurde. Ich war selbst dort,  man hat es mir gesagt. Es war gefährlich.

Heute sind es die Türken. Und die Roma, die hier mit Mercedes und Goldketten herumfahren. Vor dieser Vernichtungsgefahr durch Stalin, die Polen und die Juden muss sich ein Volk befreien. Vor denen, die uns töten können, müssen wir uns verteidigen, von denen, die uns aussaugen und die uns durch ihre Vermehrung gefährden.

In Russland war er als Regimentsadjutant und als Batteriekommandeur eingesetzt in der Heeresgruppe Mitte in der Artillerie, im heutigen Weißrussland und in den Pripjet-Sümpfen, als der Rückzug der Wehrmacht eingesetzt hatte. Das hat seine Angst nicht gemindert. Im Gegenteil: Russland war schlimm. Der Krieg war furchtbar. Neben mir ist mein bester Freund zerfetzt worden. Eine Fingerkuppe ist übrig geblieben. Ich habe im Straßengraben gesessen und geheult.  Die  Russen griffen mit „Hurräh“ an und beschossen die Flüchtenden mit MG-Feuer: Ich rollte mich nach links, lief, rollte mich nach rechts, lief weiter, warf meine Waffe ab und hatte Glück. Viele anderen hatten es nicht.

In Blaguscha, im nördlichen Pripjet Sumpfbereich war ich (wohl Ende 43) Ortskommandant. Wir waren auf dem Rückzug mitten in den Pripjet Sümpfen und wir brannten,  um Partisanen zu bekämpfen, die Hütten der Bewohner nieder und als wir bei der Durchsuchung einen älteren Verwundeten antrafen, haben wir ihm den Gnadenschuss gegeben. Was soll man machen?! Es ging ja um alles:  entweder die oder wir. Und ich hatte mein Vaterland, meine Heimat, meine Mutter gegen Vernichtung und Vergewaltigung zu verteidigen.

So war es auch, als ich im Westen eingesetzt war und im März 1945 südlich von Remagen nach schweren Kämpfen verwundet worden bin. Ich habe mein Vaterland verteidigt. Die beiden amerikanischen Ärzte, Juden waren das, hätten mich verbluten lassen, wenn nicht ein Russe gewesen wäre, der mich richtig hingelegt und notdürftig verbunden hat. Diesem Russen bin ich ewig dankbar. Nicht den Juden.

Mein Vater sprach an jenem Wochenende im Juli 1998 von seiner Vernichtungsangst, der Angst vor den Russen, Stalin, vor der Vernichtung des Deutschen Volkes und vor der Gefahr einer weltweiten Macht der Juden. Gegen diese Gefahr gab es für ihn nur die nationale Befreiung unter Hitler und Goebbels. Ich war begeistert vom Nationalsozialismus. Ja, sie war so etwas wie eine politische Religion der nationalen Befreiung nach Versailles. Trotz aller später erfahrener Selbstzerstörung und Zerstörung? Ich habe daran geglaubt und im Krieg, da ging es erst recht um’s Überleben. Und heute? Sind wir nicht gedemütigt? Müssen wir nicht in Schande gestehen, dass wir alles falsch gemacht hätten? Wir sind doch das einzige Volk, das in Asche geht. Das tut kein anderes Volk. Das tun die Amerikaner nicht in Vietnam und heute sind die Juden mächtiger als je zuvor….  Aber war es nicht ein Problem, wenn man heute weiß, dass Hitler hinter der Front die Juden ermordet und dass man den Gnadenschuss gegeben hat … Es sind nicht so viele Juden umgekommen! Und wir hatten Dresden! Und Israel tut heute das Gleiche! Und ihr verteidigt das noch! Eure Studentenbewegung ist doch die neue Hitler Jugend Bewegung! Natürlich gibt es so etwas wie Scham, aber viel schlimmer ist, wie man über Deutschland herzieht! Willy Brandt ist der Schlimmste: der hat gegen uns in Norwegen gekämpft, der hat uns verraten. Für mich heißt er Willy Frahm. In den Gesprächen schob er –  gelegentlich – ein, wie sehr er Deserteure verachte und er  diejenigen aus den Dörfern um Cloppenburg sehr genau kenne und er sie verachte bis heute.

Dieses Wochenende habe ich mit gvoßer innerer Spannung erlebt, nicht mehr wütend, vor allem traurig, eigentlich melancholisch. Völlig überraschend starb mein Vater wenige Tage danach an einem Aorta-Riss

Mein Vater sah sich als Adenauerdemokrat. Es gab Situationen, wo er für Minuten versteckt von Scham sprach, aber nur, um im nächsten Moment aufzutrumpfen. Selbstkritik hätte seine Identität gekostet. Er war  entschieden und phantasievoll, wenn es um die Beschwörung seiner und der deutschen Feinde ging. Und er glaubte an ihre vernichtende: unmittelbar tödliche Gefahr. Diese Gefahr für die deutsche Nation war in eins Gefahr für ihn, seine Mutter und seine Familie. Deswegen kämpfte er gegen Polen und gegen Russland. Er war ganz besonders bei der Sache, wenn die Juden „dahinter steckten“, da sie überall Macht hatten und gewalttätig waren, wie er aus dem Judenghetto von Krakau zu wissen glaubte. In Hitler sah er beides: den Retter vor diesen Gefahren, vor Versailles und vor dem Untergang Deutschlands und vor tödlicher Armut und in Goebbels den großen Redner, den Trommelwirbler und strahlenden Rhetor. Wie oft habe ich das als Kind gehört. Selbstverständlich sah oder wollte er nicht sehen, dass andere verfolgt und umgebracht wurden. Er verachtete Mitleid und Empathie als Verhalten von Schwächlingen. Selbstverständlich sah er die Wehrmacht sauber. Mit den Goldfasanen (der Partei) habe sie nichts zu tun gehabt. Im Krieg zwang der Gegner auf, was zu tun war. Das galt vor allem für die Partisanenbekämpfung. Ein Wort, bei dem regelmäßig eine metallische Schärfe seine Stimme durchzog. Das war so. Wir oder die. Kriegsverbrechen? Sieh dir die Amerikaner an! In Vietnam! Und Israel! Israel! Er sah sich gründlich, auch wenn nicht nötig, entnazifiziert. Eigentlich war er ja nie Nazi, sondern Katholik. Und auch das Wort Toleranz kam ihm über die Lippen. Aber in seiner Haltung blieb er totalitär und Autoritär. Von der Pünktlichkeit bis zur totalen Unterordnung dessen, was ihm Staat oder Moral aufgibt. Und so auch uns aufzugeben hat. Seine Schüler sprechen von: streng, aber gerecht.

Die in der geistigen Luft der 50er Jahre verwirbelten NS-Partikelchen waren Schwebstoffe, die in unsere Lungen eindrangen. Über den Anderen, sein Leid, den Mord – hatte die Räson der politischen Kultur der 50er Jahre in der Familie wie in der Öffentlichkeit Sprechverbot erteilt: „Kommunikatives Beschweigen“, nannte das Hermann Lübbe anerkennend noch 1983. Umso präsenter war all das emotional: als Mentalität einer tiefen Abwehr wie als Angst vor der Wahrheit. So redet man umso lautstärker über die Kriegsabenteuer, je stärker geahnt wurde, dass dies nicht alles war und dass man halbwegs gewusst hat und dann auch schon, weil man damit durchkam, immer mehr daran gewöhnt, vieles vorenthielt. [2] Das über die Juden zum Beispiel, zumal man, wie ich mich erinnere, am Karfreitag vor dem Zweiten Vatikanum noch in katholischer antisemitischer Tradition für die treulosen Juden zu beten hatte.

Mit 14 las ich das Tagebuch von Anne Frank – und im Kalender meines Vaters fand ich den, von dem ich mir vorstellte, er hätte Anne Frank retten können: Graf von Stauffenberg. In dem Dorf, in dem ich aufwuchs, ehrte man Graf von Galen, der 1878 auf der Burg Dinklage geboren war und als Bischof von Münster 1936 hinter dem Aufbegehren mutiger Pfarrer und noch mutigerer Bauern und kleiner Leute stand.

Die Nationalsozialisten unter Gauleiter Ernst Röver wollten das Kreuz aus den katholischen Schulen entfernen und durch das Hakenkreuz ersetzen. Hunderte fuhren mit Treckern und Fahrrädern aus den Kreisen Vechta und Cloppenburg zur Münsterlandhalle in Cloppenburg, um gegen Ernst Röver zu protestieren, der dort sprach. Als er sich ausschweifend über seine Abenteuer in Afrika aufhielt, riefen aus den hinteren Reihen Bauern auf plattdeutsch: zur Sache! Zur Sache! Was ist mit dem Kreuz? Diese Rufe schwollen an, als er eine Antwort immer noch umging. Entnervt verließ er die Halle über den Hinterausgang. Das Kreuz blieb. Einer der wenigen kleinen Siege gegen die Nationalsozialisten, wohl, weil die katholische „Gesinnungsfront“ (Walter Dirks) geschlossen war und die Kirche dahinter stand. Auch der letzte Rabbiner unter den Nationalsozialisten in der Region Oldenburg, Leo Trepp, erzählte mir, als ich ihn 1990 in Kalifornien traf, dass die Südoldenburger sich offener zu den Juden verhielten, wohl auch aus einer katholisch universalen Intuition heraus, das tut man nicht und so anders als die feindlich eingestellten im eher protestantischen Nord-Oldenburg. Im Jahr 1938 jedenfalls, als eine Frau Bloch in der Kreisstadt Vechta beerdigt wurde, war das keine isolierte jüdische Veranstaltung, zu der niemand kam wie oft in jenen Tagen im Norden Oldenburgs, sondern – wie Leo Trepp sagte – der Friedhof war schwarz von Menschen. Sie zeigten Juden ihren Respekt.

Was wäre gewesen, fragten wir uns, wenn die katholische Kirche sich nicht nur in der Frage der Euthanasie unter dem Schutz des Grafen von Galen gewehrt hätte, sondern zusammen mit dem Papst öffentlich gegen die drohende und dann einsetzende Ermordung der europäischen Juden? 1960 und 1961 erfuhren wir von Eichmann. Aber selbst das war nicht einmal Gegenstand des Unterrichts eines der wenigen kritischen jungen, von uns geliebten Deutschlehrer, der bei Adorno in die Seminare gegangen war: Hubert Kattenbaums, von Mitschülern auch Kaba gerufen. Was es aber gab, waren wütende Kontroversen oder besser die Isolierung dieses Lehrers in einem Kollegium, das zwar an einem katholischen Gymnasium arbeitete, aber doch bestimmt war von den Erfahrungen, den glorreichen, des Ersten wie des Zweiten Weltkrieges. Dass es so war in dem Lehrerzimmer, erfuhr ich allerdings erst 30 Jahre später von meinem Deutschlehrer, der erschüttert davon berichtete.


[1] Stattdessen dominierte das, was die Erziehungswissenschaft eine schwarze Erziehung nennt. Meine sechziger Jahre, vor allem 1967 bis 1969 lassen sich von diesen Erfahrungen abgetrennt gar nicht verstehen. Wir rebellierten gewiss verspätet, weil wir über-leben wollten. Die Vorgeschichte der fünfziger Jahre ist für Art und Umfang der westdeutschen Protestbewegung und die Entwicklung der bundesrepublikanischen Gesellschaft von Bedeutung. Sie war es jedenfalls für mich.

[2] Wieviel man gewusst hat, zeigen  neuere Studien von Peter Longerich Davon haben wir nichts gewußt  und Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden

 

 

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